Veröffentlicht in China

Große Städte im Südwesten des Perlenflusses

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Am Jiang River in Zhongshan

Die Region südwestlich der Metropole Guangzhou wird von vielen Flüssen durchzogen, die alle in Richtung Südchinesisches Meer strömen, sich teilweise zu breiteren Strömen vereinen, wie der Perlenfluss, der bei seiner Mündung zwischen Hong Kong und Macao eine Breite von mehr als 35 km aufweist.
Diese Region ist stark industriell entwickelt, es werden von Elektronikkomponenten bis zu großen Maschinen viele Dinge produziert und transportiert und entsprechend stark ist die Infrastruktur ausgebaut. Hauptsächlich Fernverkehrs- und Expressrouten, für die dann auch mehr oder weniger aufwendig konstruierte Brücken zum Queren der vielen Wasserwege vorhanden sind. Diese Brücken bestimmen dann letztlich auch meine Route durch die Region, zunächst nordwärts von Jiangmen aus über Heshan bis an den Rand von Foshan, um dort Florence noch einmal kurz in ihrer Heimat zu treffen, danach südwärts über Shunde nach Zhongshan und von dort nach Zhuhai und weiter bis nach Macao.

 

Leider beschert mir der Winter im Süden Chinas vorübergehend graues und feuchtes Wetter, zumindest seit ich von Taishan aus weiter in nördlicher Richtung gefahren bin, wurde es täglich etwas kühler und regnerischer. Jiangmen z.B. habe ich nur grau und mit Dauernieselregen in Erinnerung. Ich hatte dort ein Zimmer in der Nähe einer schön angelegten Parkanlage, die am Tag meiner Ankunft noch von vielen Einheimischen zum abendlichen Spazieren, zum gemeinsamen Gesang oder auch Tanz genutzt wurde, was an dem verregneten zweiten Tag und Abend dann ausfiel. Dabei ist das immer wieder ein nettes Schauspiel, wenn Leute verschiedenster Altersstufen sich auf einem großen Platz treffen, um gemeinsam in der Dämmerung zu der Musik aus einem manchmal quäkigen Lautsprecher zu tanzen.

Überhaupt war ich an meinem Pausentag in Jiangmen nur wenig draußen, habe mir das Xinhui Museum angesehen, wo mehrere kleinere Ausstellungen präsentiert werden, Eintritt frei. Es sind einige Werke lokaler Künstler zu sehen, einige Stücke älterer chinesischer Porzellankunst, sowie Ausgrabungsstücke, die bei der Restaurierung der Bauten vor einigen Jahrzehnten freigelegt wurden.

 

Als ich von Jiangmen weiter in Richtung Norden fahre, ist der Himmel stark bewölkt, der leichte Regen vom Abend hat in der Nacht irgendwann aufgehört, aber die Tropfgeräusche waren von den Blechdächern der Balkone am benachbarten Gebäude noch bis zum Morgen zu hören, mehr als 15°C werden es an dem Tag nicht. Die Stadt ist eine Flächenstadt und hat am westlichen Rand, begrenzt durch einige Berge, auch großzügige Grünflächen, wie die Gui Feng Shang Scenic Area. Wie so viele andere Parkanlagen in China auch, ist das Gelände jedoch eingezäunt und an den Zuwegen gut gesichert. Polizisten beobachten sogar recht genau den Verkehr vor dem südlichen Eingang, an dem ein größerer Parkplatz vorhanden ist, wo aber auch mal wieder gebaut wird.

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Gui Feng Shang Scenic Area

Ich dachte, hier am Rand einen Teil der Stadt umfahren zu können, muss aber letztlich doch durch das Zentrum, bis zu dem ich allein schon 20 km Strecke mache. Unterwegs wärme ich ich bei einem McDonalds auf – immerhin gibt es dort mal wieder Kaffee. Im Zentrum der Stadt dann ein großes Rondell, um das der Verkehr herum geleitet wird, und mitten drin befinden sich gleich zwei Museen. Dasjenige für zeitgenössische chinesische Kunst ist leider geschlossen, das zweite, welches den chinesischen Auswanderern der beiden vergangenen Jahrhunderte gewidmet ist, sehe ich mir hingegen kurz an. Gerade aus dieser Gegend Chinas, durch die ich mich im Moment bewege, sind vor allem im 19ten Jahrhundert viele Menschen nach Nordamerika ausgewandert und haben dort u.a. den Bau der tausende Kilometer langen Eisenbahnlinien in den USA und vor allem in Kanada ermöglicht, einfach durch ihre Vielzahl an Arbeitskräften.

 

Der Übergang von Jiangmen nach Heshan ist dann beinahe nahtlos, auch wenn die beiden Städte auf der Karte klar voneinander getrennt sind und theoretisch weit auseinander liegen. Die Wohngebiete Jiangmens dehnen sich aber einerseits immer weiter nach Norden aus, werden auf den Werbebannern entlang der Bauzäune, die so eine Bauzone immer vor zu neugierigen Blicken abschirmen, aber als künftige Wohnparadiese angepriesen, wo das Leben entspannter und ökologischer als bisher sein wird. Und andersherum dehnt sich der Industriegürtel von Heshan immer weiter nach Süden aus.
Aber es gibt dazwischen noch Nischen, in denen kleinere Dörfer existieren und das Auge vom Grün der Landschaft wieder etwas beruhigt wird. Im Vorbeifahren zumindest kurzfristig.

 

Später fahre ich durch den zentralen Bereich der Stadt Heshan auf kleineren Seitenstraßen, komme durch ein Wohnviertel mit vielen kleinen Geschäften entlang der Straßen und halte dabei nach einer Bäckerei Ausschau. Es sind oft unscheinbar kleine Läden, die aber trotzdem von außen aufgrund der drinnen vorhandenen, beleuchteten Glasvitrinen gut zu erkennen sind. Ich habe es mir inzwischen angewöhnt, am Nachmittag, wenn ich am Tagesziel angekommen bin und das jeweilige Hotelzimmer bezogen habe, mir einen Instantkaffee zu machen und ein Stück von dem in praktisch jeder Bäckerei angebotenen Blätterteig mit Pudding zu essen. Eine Créme Brûlée en miniature sozusagen – lecker, nach den Stunden auf dem Rad.
Auch hier habe ich relativ bald Glück, sehe den kleinen Backshop rechtzeitig und kaufe neben dem Puddingtörtchen auch noch ein Stück einer andere Variante von Blätterteigkuchen. In den Hotelzimmern hatte ich bisher immer einen Wasserkocher zur Verfügung und diese Serie setzt sich auch in Heshan fort.

Am nächsten Tag will es gar nicht erst richtig hell werden, der Himmel bleibt dicht und grau verhangen. Von meinem Zimmer im 7. Stock aus erscheint die gegenüberliegende und ebenfalls graue Häuserfront wie eins mit dem Grau der Wolken.
Das Guoshang Hotel liegt praktischer Weise schon am nördlichen Stadtrand von Heshan, so komme ich schnell an den Shaping River, einen Zufluss des breiten Xi Rivers, an dessen Ufer ich dann einige Kilometer in östlicher Richtung entlang fahre. Es scheint heute noch kühler zu sein, dabei dachte ich gestern schon, es wäre der Tiefpunkt. Als es nach kurzer Zeit erst mit Niesel, dann etwas stärker zu regnen beginnt, suche ich mir eine Überdachung und werde auch bald am Büroeingang einer Werkstatt, die an der Nebenfahrbahn der Y985 liegt, fündig. Das Vordach ist nicht breit, reicht aber, um trocken die Packtaschen öffnen zu können. Ich suche meine etwas wärmeren Handschuhe heraus, denn mit den sehr offenen, einfachen Handschuhen, kühlen mir die Hände bei dem Regen zu schnell aus. Die Regenjacke trage ich eh von Anfang an, mit drei wärmenden Lagen darunter.

 

Als der Regen nachlässt, fahre ich weiter. Anfangs suche ich mir eine Uferstraße, von der ich annehme, dass sie für den Durchgangsverkehr nicht interessant ist, was eigentlich auch so stimmt. Was ich aber nicht weiß; es gibt entlang dieser schmalen Betonpiste eine Reihe von Baustoffbetrieben, die Baurohstoffe wie Sand und Kies direkt vom Flussufer, von dort anlandenden Frachtschiffen geliefert bekommen. Das macht das Umschlagen des Materials recht einfach und von den Betrieben aus wird das Material mit LKWs dann weiter verteilt. Sehr zu meinem Leidwesen, denn es sind eine ganze Menge LKWs die teils recht sportlich mit dem Feinkies auf der Ladefläche diese schmale Betonstraße entlang geschossen kommen.

Leider geht diese Straße nach kurzer Strecke in eine Baustelle über. Offenbar soll sie durch einen Neubau ersetzt werden und wurde schonmal um einige Dutzend Meter verlegt, zudem dient sie nun als Baustraße, hat keinen festen Belag mehr, sondern eine Oberfläche, die zwar aus dem ehemaligen Beton besteht, der zuvor aber fein geschreddert und nun als neue Fahrbahn aufgeschüttet und verdichtet wurde. Der Regen und viel Sand, der von den großen Fahrzeugen von der Baustelle immer mitgeschleppt wird, machen das zu einer unebenen und schlammigen Angelegenheit. Ich komme nur noch sehr langsam voran, da ich auf dem holperigen, in schlammigen Pfützen auch schlüpfrigen Untergrund weder stecken bleiben noch wegrutschen will.
Nach etwa 2 Kilometern ist dieser Spuk aber vorbei und das Fahrrad ist inzwischen eingesaut, wie schon lange nicht mehr.

Für einige Kilometer folgt ein Abschnitt der schon fertiggestellten neuen Straße, die in beiden Richtungen jeweils dreispurig angelegt ist und kaum benutzt wird. Sie dient als Zubringer zur S112, eigentlich einer niederrangigen Fernstraße, deren Brücke über den XiJiang ich in Richtung Osten nutzen will. Überraschender Weise ist sie für Fahrräder gesperrt, das Schild an der Zufahrt ist eindeutig. Ich ignoriere es trotzdem, denn ich habe keine Alternative. Als ich mich die Rampe hinauf arbeite, wird mir auch klar warum. Den sonst immer vorhandenen Seitenstreifen hat man hier gespart, dafür die drei Richtungsfahrbahnen etwas breiter ausgelegt. Der von Süden her aus der Region Jiangmen kommende Fernverkehr besteht fast nur aus Schwerlast-, überwiegend Container transportierende LKWs, die Taktfolge ist ziemlich dicht.
Auf halber Höhe steht am Fahrbahnrand, dort wo eine Fußgängertreppe ansetzt, die ich nun wirklich nicht nutzen wollte, einsam ein Polizeimotorrad, aber weit und breit ist niemand zu sehen. So ziehe ich letztlich unbehelligt am rechten Rand der rechten Spur über die etwa 1,5 km lange Brücke und den danach noch ansetzenden Damm, auf dem aber schon wieder eine separate Spur für langsamere Fahrzeuge existiert. Etwa 2 km weiter mache ich an einer Zufahrt in ein Dorf unter weit ausladenden Bäumen eine kurze Verschnaufpause und ziehe die Regenjacke endlich aus, die mir inzwischen etwas zu warm geworden ist.

Später muss ich noch zwei weitere Schnellstraßenbrücken benutzen, die jedoch nicht ganz die Dimension derjenigen am XiJiang haben. Einmal bei Leliu, wobei ich die Stadt selbst nur streife, und später bei Long Jiang über jeweils einen Seitenarm des Shunde Zhuxi. Bei letzterer sehe ich schon von weitem, dass der Treppenaufgang zum separaten Fußweg über die Brücke auch eine schmale Spur zum Schieben von Zweirädern hat. So mache ich mir die Mühe, hänge mir eine der beiden Gepäcktaschen über die Schulter und schiebe das Rad langsam die vier Treppenabsätze nach oben, wo ich dann ganz entspannt und getrennt vom Verkehr die ca. 400 m lange Brücke zum anderen Ufer hinüber radeln kann. Dort muss ich das Rad die Treppe dann wieder hinunter schieben, der Schnellstraße ein Stück weit folgen, bevor ich an einer Wendestelle zu meiner eigentlich Richtung wieder zurückfinde.

In Beijiao mache ich erneut einen Tag Pause, hatte mir vorgenommen, mit der Metro von Foshan aus nach Guangzhou hineinzufahren, aber lasse es wegen des durchwachsenen, kühlen Wetters bleiben und mache stattdessen einen Tagesausflug über 50 km mit dem Fahrrad nach Shanwa, einem kleinen Städtchen mit teils erhaltenem Altstadtkern. Das führt mich zwar in die entgegengesetzte Richtung, aber dieser Ort ist auch eine Besichtigung wert.

Als ich dann heute morgen in Richtung Süden weiterfahre, ist die Luft gleich wieder etwas wärmer, als an den letzten Tagen, und über den Nachmittag scheint auch ab und zu mal die Sonne.

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