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Auf Chinas Straßen bedarf es manchmal viel Geduld

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Leichter Stress an einer Straßenkreuzung in Dianbai

So ganz allgemein ist der Straßenverkehr hierzulande etwas problematisch. Gab es vor 20 Jahren noch verhältnismäßig wenige individuelle Privat-PKW und waren Taxen neben Bussen das Hauptverkehrsmittel in den Innenstädten, so quellen die Straßen der Städte inzwischen mit hauptsächlich großen Autos über. Daneben sind Kleinmotorräder und Elektro-Mopeds oder -Mofas ebenfalls sehr weit verbreitet.
Bei Fernstraßen ist der Verkehr meist nur im näheren Umkreis größerer Städte sehr dicht, vor allem stadtauswärts, wo lange Ampelphasen meist zu langen Staus führen. Für viele Überlandverbindungen gibt es aber oft eine Alternative, manchmal ist diese allerdings noch im Bau, und ein Netz von Autobahnen trägt ebenfalls einen großen Anteil des Fern- und vor allem Schwerlastverkehrs. Das sehe ich nur manchmal in der Ferne, Fahrräder sind dort natürlich nicht erlaubt.

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Hier gehts in Richtung Wuchuan und Guangzhou

Die Überlandverbindungen sind meist sehr gut zu befahren, oft mit zwei Richtungsfahrbahnen plus Seitenstreifen, wenn nicht der Belag schon zu alt und ausgefahren und der Seitenstreifen nicht mehr brauchbar, der Belag insgesamt holprig ist, und man mehr auf die Straßendecke achten muss als auf den Verkehr.
Das kommt aber eher selten vor und ich hatte es richtig unangenehm bisher nur auf einem Teilstück der G325 zwischen Yangjiang und Enping für einige Kilometer. Da es dort aber mit nur wenigen hundert Metern Abstand die G15 als parallel verlaufenen Expressway gibt, war der Verkehr auf diesem Teilstück überschaubar.
Sonst ist praktisch immer ein breiter Seitenstreifen vorhanden, so dass ich dort als Radfahrer theoretisch immer genügend Abstand zum eigentlichen Verkehr habe. Aber ganz so einfach ist es leider nicht immer.

Sobald irgendwo der Verkehr stockt, kommt irgendein schlauer Fahrzeuglenker auf die Idee, doch mal rechts auf dem Seitenstreifen zu probieren, ob es dort nicht weitergeht, nur um festzustellen, dass es eben nicht geht und um dann langsam wieder zurück in die Spur zu rollen, wenn da nicht schon jemand anderes schnell aufgerückt ist. So ist der Seitenstreifen dann auch blockiert, wenn diese Aktion nicht zuvor schon das gerade auf gleicher Höhe rollende Zweirad beiseite gedrängt hatte. Rücksicht ist nicht weit verbreitet.

Total nervig sind die Innenstädte, vor allem in kleineren Orten. Regel Nummer eins: wenn ICH komme, dann habe ICH Vorfahrt und dass ICH komme, mache ich stets mit lautem Hupen bekannt. Egal ob Moped, Mofa, Dreirad, Auto, Mini-LKW, LKW, Kleinst-Transporter, oder was auch immer. Am schlimmsten sind Busse, denn die haben zudem auch noch immer Recht :). Oder irgendwie so ähnlich.
Kein Land, in dem nicht mehr und öfter nutzlos gehupt wird, als wie hier. Es ist manchmal dermaßen – ahhh, widerlich; nicht, weil man mich als kleinen Radfahrer meint und von der Straße tröten will, sondern weil dies offenbar die offizielle Sprache aller Verkehrsteilnehmer untereinander ist. Es ist dies vermutlich auch eine Ursache für viele frühzeitige Gehörschäden.

Das zweite Prinzip ist auch ganz einfach: nicht auf andere achten, sondern einfach fahren. Bisher habe ich nur eine leichte Kollision zweier E-Mopeds untereinander gesehen und mir selbst einmal eine Packtasche abgefahren, weil der Typ von schräg rechts kommend eben genauso draufgehalten hatte, wie ich. Wirklich defensive Fahrweise musste ich mir hier erst angewöhnen. Denn das nächste Fahrprinzip ist das Schwarmprinzip (also zumindest die Mopeds untereinander): immer auf gleicher Höhe bleiben und wenn die Lücke sich ergibt, dann am besten gleich hinein, oder noch besser, dran vorbei. Die hinter dir halten schon den Abstand, wenn sie selbst die schlechtere Position haben.

Ich weiß nicht, ob es wirklich Regeln gibt. Mopeds und andere Zwei- oder Dreiräder (manchmal auch Autos und Kleinlaster, die zur nächstgelegenen Wendestelle wollen) fahren an beiden Straßenrändern immer auch in beide Richtungen. Die Entgegenkommenden meist (aber nicht zwangsläufig) ganz außen – also sie drücken dir am Seitenstreifen so etwas wie Linksverkehr auf. Kein wirkliches Problem, man sieht sich ja eigentlich rechtzeitig, es hat aber zur Folge, dass wenn zudem ein Auto oder Kleinlaster den rechten Straßenrand blockiert (eine weitere gängige Eigenheit), oder vielleicht gleich mehrere Fahrzeuge dort stehen, weil ein Händler dort besonders schönes Obst anbietet – am liebsten stehen die Autos nebeneinander auch noch leicht in die rechte Fahrspur hinein – dann musst du immer damit rechnen, dass wenn du diese Engstelle gerade passierst, dir auch genau dann ein Zweirad entgegen kommt und dich noch weiter in die Fahrspur zwingt, oder eben ausbremst. Also darf ich nie einfach nur mein Tempo fahren wollen, sondern muss immer damit rechnen, im nächsten Moment stoppen oder ausweichen zu müssen. Manchmal bin ich ja auch stur, aber ich habe schnell gelernt, dass ich damit hierzulande nicht weit komme.

Die größeren Straßen haben meist eine Barriere zwischen den beiden Fahrtrichtungen, sowohl in den Innenstädten, wie auch außerhalb, sofern die Straße mehr als einen Fahrstreifen je Richtung hat. Wenden oder Abbiegen geht nur an Lücken in dieser Barriere, die auch häufig mit einem Zebrastreifen für Fußgänger vorhanden ist, mit einer kleinen Stufe innerhalb der Barriere, die von Fahrzeugen nicht gequert werden kann. Alle paar hundert Meter gibt es Lücken zum Abbiegen und Wenden auch für größere Fahrzeuge. Das sind immer wieder Gefahrstellen, wenn ein Auto dort wenden will, sich nicht traut und damit die linke Richtungsspur blockiert, oder ganz gemächlich in den Gegenverkehr hineindreht und diesen, unter protestierendem Hupen, kurzfristig ausbremst, um quasi selbst einzufädeln. Innerorts sind deshalb meist nur 40 km/h erlaubt, manchmal weniger, außerorts nie mehr als 80 km/h – allerdings hält sich niemand daran.

Der Anteil an Fahrrädern im Straßenverkehr ist offenbar sehr gering in den Städten, eher werden sie noch von älteren Leuten genutzt, die damit vermutlich groß geworden sind, auf dem Land sehe ich sie öfter. Dafür gibt es in den größeren Innenstädten viele Leihfahrräder, oft auch als Pedelecs, die man mit einer App ausleihen kann. Es gibt dafür verschiedene Anbieter (meist Moo Bikes) und in manchen Städten stehen die meist ziemlich einfachen Dinger überall herum, genau wie zuhause.

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