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Auf Chinas Straßen bedarf es manchmal viel Geduld

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Leichter Stress an einer Straßenkreuzung in Dianbai

So ganz allgemein ist der Straßenverkehr hierzulande etwas problematisch. Gab es vor 20 Jahren noch verhältnismäßig wenige individuelle Privat-PKW und waren Taxen neben Bussen das Hauptverkehrsmittel in den Innenstädten, so quellen die Straßen der Städte inzwischen mit hauptsächlich großen Autos über. Daneben sind Kleinmotorräder und Elektro-Mopeds oder -Mofas ebenfalls sehr weit verbreitet.
Bei Fernstraßen ist der Verkehr meist nur im näheren Umkreis größerer Städte sehr dicht, vor allem stadtauswärts, wo lange Ampelphasen meist zu langen Staus führen. Für viele Überlandverbindungen gibt es aber oft eine Alternative, manchmal ist diese allerdings noch im Bau, und ein Netz von Autobahnen trägt ebenfalls einen großen Anteil des Fern- und vor allem Schwerlastverkehrs. Das sehe ich nur manchmal in der Ferne, Fahrräder sind dort natürlich nicht erlaubt.

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Hier gehts in Richtung Wuchuan und Guangzhou

Die Überlandverbindungen sind meist sehr gut zu befahren, oft mit zwei Richtungsfahrbahnen plus Seitenstreifen, wenn nicht der Belag schon zu alt und ausgefahren und der Seitenstreifen nicht mehr brauchbar, der Belag insgesamt holprig ist, und man mehr auf die Straßendecke achten muss als auf den Verkehr.
Das kommt aber eher selten vor und ich hatte es richtig unangenehm bisher nur auf einem Teilstück der G325 zwischen Yangjiang und Enping für einige Kilometer. Da es dort aber mit nur wenigen hundert Metern Abstand die G15 als parallel verlaufenen Expressway gibt, war der Verkehr auf diesem Teilstück überschaubar.
Sonst ist praktisch immer ein breiter Seitenstreifen vorhanden, so dass ich dort als Radfahrer theoretisch immer genügend Abstand zum eigentlichen Verkehr habe. Aber ganz so einfach ist es leider nicht immer.

Sobald irgendwo der Verkehr stockt, kommt irgendein schlauer Fahrzeuglenker auf die Idee, doch mal rechts auf dem Seitenstreifen zu probieren, ob es dort nicht weitergeht, nur um festzustellen, dass es eben nicht geht und um dann langsam wieder zurück in die Spur zu rollen, wenn da nicht schon jemand anderes schnell aufgerückt ist. So ist der Seitenstreifen dann auch blockiert, wenn diese Aktion nicht zuvor schon das gerade auf gleicher Höhe rollende Zweirad beiseite gedrängt hatte. Rücksicht ist nicht weit verbreitet.

Total nervig sind die Innenstädte, vor allem in kleineren Orten. Regel Nummer eins: wenn ICH komme, dann habe ICH Vorfahrt und dass ICH komme, mache ich stets mit lautem Hupen bekannt. Egal ob Moped, Mofa, Dreirad, Auto, Mini-LKW, LKW, Kleinst-Transporter, oder was auch immer. Am schlimmsten sind Busse, denn die haben zudem auch noch immer Recht :). Oder irgendwie so ähnlich.
Kein Land, in dem nicht mehr und öfter nutzlos gehupt wird, als wie hier. Es ist manchmal dermaßen – ahhh, widerlich; nicht, weil man mich als kleinen Radfahrer meint und von der Straße tröten will, sondern weil dies offenbar die offizielle Sprache aller Verkehrsteilnehmer untereinander ist. Es ist dies vermutlich auch eine Ursache für viele frühzeitige Gehörschäden.

Das zweite Prinzip ist auch ganz einfach: nicht auf andere achten, sondern einfach fahren. Bisher habe ich nur eine leichte Kollision zweier E-Mopeds untereinander gesehen und mir selbst einmal eine Packtasche abgefahren, weil der Typ von schräg rechts kommend eben genauso draufgehalten hatte, wie ich. Wirklich defensive Fahrweise musste ich mir hier erst angewöhnen. Denn das nächste Fahrprinzip ist das Schwarmprinzip (also zumindest die Mopeds untereinander): immer auf gleicher Höhe bleiben und wenn die Lücke sich ergibt, dann am besten gleich hinein, oder noch besser, dran vorbei. Die hinter dir halten schon den Abstand, wenn sie selbst die schlechtere Position haben.

Ich weiß nicht, ob es wirklich Regeln gibt. Mopeds und andere Zwei- oder Dreiräder (manchmal auch Autos und Kleinlaster, die zur nächstgelegenen Wendestelle wollen) fahren an beiden Straßenrändern immer auch in beide Richtungen. Die Entgegenkommenden meist (aber nicht zwangsläufig) ganz außen – also sie drücken dir am Seitenstreifen so etwas wie Linksverkehr auf. Kein wirkliches Problem, man sieht sich ja eigentlich rechtzeitig, es hat aber zur Folge, dass wenn zudem ein Auto oder Kleinlaster den rechten Straßenrand blockiert (eine weitere gängige Eigenheit), oder vielleicht gleich mehrere Fahrzeuge dort stehen, weil ein Händler dort besonders schönes Obst anbietet – am liebsten stehen die Autos nebeneinander auch noch leicht in die rechte Fahrspur hinein – dann musst du immer damit rechnen, dass wenn du diese Engstelle gerade passierst, dir auch genau dann ein Zweirad entgegen kommt und dich noch weiter in die Fahrspur zwingt, oder eben ausbremst. Also darf ich nie einfach nur mein Tempo fahren wollen, sondern muss immer damit rechnen, im nächsten Moment stoppen oder ausweichen zu müssen. Manchmal bin ich ja auch stur, aber ich habe schnell gelernt, dass ich damit hierzulande nicht weit komme.

Die größeren Straßen haben meist eine Barriere zwischen den beiden Fahrtrichtungen, sowohl in den Innenstädten, wie auch außerhalb, sofern die Straße mehr als einen Fahrstreifen je Richtung hat. Wenden oder Abbiegen geht nur an Lücken in dieser Barriere, die auch häufig mit einem Zebrastreifen für Fußgänger vorhanden ist, mit einer kleinen Stufe innerhalb der Barriere, die von Fahrzeugen nicht gequert werden kann. Alle paar hundert Meter gibt es Lücken zum Abbiegen und Wenden auch für größere Fahrzeuge. Das sind immer wieder Gefahrstellen, wenn ein Auto dort wenden will, sich nicht traut und damit die linke Richtungsspur blockiert, oder ganz gemächlich in den Gegenverkehr hineindreht und diesen, unter protestierendem Hupen, kurzfristig ausbremst, um quasi selbst einzufädeln. Innerorts sind deshalb meist nur 40 km/h erlaubt, manchmal weniger, außerorts nie mehr als 80 km/h – allerdings hält sich niemand daran.

Der Anteil an Fahrrädern im Straßenverkehr ist offenbar sehr gering in den Städten, eher werden sie noch von älteren Leuten genutzt, die damit vermutlich groß geworden sind, auf dem Land sehe ich sie öfter. Dafür gibt es in den größeren Innenstädten viele Leihfahrräder, oft auch als Pedelecs, die man mit einer App ausleihen kann. Es gibt dafür verschiedene Anbieter (meist Moo Bikes) und in manchen Städten stehen die meist ziemlich einfachen Dinger überall herum, genau wie zuhause.

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Hainans Vielfalt entlang der Ostküste

 

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Die Tage sind sonnig und warm, abends bleibt es bis etwa 19 Uhr hell, morgens kommt die Sonne kurz nach sieben über den Horizont. Schnell ergibt sich ein Tagesrythmus, nach welchem Florence und ich uns gegen 8 Uhr zum Frühstücken treffen, uns zumindest auf die Suche nach einer Straßenküche oder einem kleinen Restaurant machen, und gegen halbzehn sind wir meist auch schon mit den Rädern unterwegs. Mehrmals ist es Nudelsuppe, die wir morgens bekommen, manchmal Porridge oder dampfgegarte Hefeklöße.
Xincun, Shenzhou, Bo’ao und Longlou sind die Stationen auf dem Weg um die Insel herum, zurück in Richtung Haikou. Dabei sind Strandabschnitte, Steilküste, kleinere Berge, Landwirtschaft und Fischzucht, Märkte und Dörfer genauso Bestandteil, wie manch hektische Innenstadt und immer wieder Ausblicke auf Bauinvestitionen, deren tatsächlichen Nutzen ich mir bei dieser großen Zahl an entstehenden Gebäuden nicht erklären kann.
Es wird allerorten Werbung für die (vermutlich zu kaufenden) Apartments gemacht, doch wer kauft die? Jetzt im Moment ist wegen des Chinesischen Neujahrsfestes Hochsaison in Hainan, die Straßen sind in den größeren Städten teilweise verstopft mit großen, neuen Limousinen und Luxus-SUVs aller namhaften europäischen (vor allem deutschen) und japanischen Autokonzerne, aber die jetzt schon verfügbaren Bettenburgen sind gar nicht richtig ausgelastet. Zumindest ist dies mein Eindruck.
Dieser Teil ist zwar für meine Reise nur eine Randerscheinung, lässt sich aber nicht ausblenden und ist natürlich fest mit der Entwicklung Hainans verbunden. Dieser Aspekt sorgt dann auch für einen großen Kontrast.

In Xincun gibt es Frühstück in einer Straßenküche mit wenigen kleinen Tischen auf dem überdachten Fußweg direkt davor. Einer davon ist gerade frei. Es gibt Nudelsuppe mit etwas Lauchgemüse und für mich mit einem direkt in der Suppe gegarten Ei, Florence zieht die Fleischeinlage vor. Da hierzulande mit wenig Salz gekocht wird und in den Restaurants nie ein Salzstreuer vorhanden ist (man würzt eher mit Sojasoße nach), hatte ich mir am Abend zuvor in einem Supermarkt mit großer Haushaltsabteilung einen Salzstreuer gekauft (eigentlich eine kleine Dose für Zahnstocher, da es keine Salzstreuer gibt, und eine Tüte Meersalz, deren restlichen Inhalt ich nach Befüllen der kleinen Dose dem Restaurant geschenkt hatte, in dem wir später gegessen haben). Damit salze ich die Suppe und versuche so meinen im Moment erhöhten Salzbedarf über das Essen etwas auszugleichen.
Am nächsten Morgen in Shenzhou frühstücken wir dann z.B. erst auf dem Weg, da es an der Bikerstation, wo wir in Zelten preiswert übernachten konnten, selbst nichts gibt. Einen Tag weiter in Bo’ao ist es ein kleines mulslimisches Restaurant, in dem wir Nudelsuppe bekommen und wo man den Leuten bei der Nudelherstellung, beim ausziehen des Teiges, draußen vor der Tür zuschauen kann. So ist jeder Morgen anders.

 

Die am Abend auf dem Hoteldach aufgehangene Wäsche ist über Nacht nicht trocken geworden. Es wird nachts zu kühl und die Luftfeuchtigkeit ist in Küstennähe einfach zu hoch. Florence versucht mit dem Haarfön ihre Sachen noch zu trocknen, dann fahren wir auch bald aus der sich schnell wieder mit Tagestouristen füllenden kleinen Stadt hinaus und entlang der G223 in Richtung Norden, weg von der Küste, denn dort verläuft lediglich eine Autobahn, die mit Rädern nicht befahren werden darf. Vermutlich auch weil es die Autobahn gibt, bleibt der Verkehr auf dieser Landstraße den Tag über recht ruhig.

In Lingshui überqueren wir den Lingshui River und danach führt die Straße nach etwa 25 km Strecke in die Berge. In der weiteren Umgebung sind es Erhebungen bis zu 400 m, die Straße selbst windet sich über wenige Kilometer zweimal mit bis zu 8% Steigung auf nicht ganz 200 m hinauf, bei der Mittagshitze von über 30° C aber ist das eine schlauchende Angelegenheit. Wir sind nicht die einzigen Radler, die sich diese Strecke antun. Am ersten Anstieg sitzen drei Leute mich Mountainbike und leichtem Tagesgepäck im Schatten des Hanges und reparieren eines ihrer Räder, kurz vor der Höhe rolle ich langsam an einer Familie mit zwei Jungs vorbei. Der Vater wartet bereits oben. Ich stelle mich dazu und warte auf Florence, die ihr Rad die letzten Meter nach oben schiebt.
Danach folgt eine langgezogene Abfahrt über mehrere Kilometer, die es leicht macht, die kurze Anstrengung von den beiden Anstiegen zuvor wieder zu vergessen. Wir rollen nun durch den Distrikt Wanning und eine weiterhin wellige Landschaft mit bewaldeten Hängen.
In dem Dorf Nanqiao dann eine Mittagspause, einige hundert Meter weiter wird Feuerwerk gezündet.

Das Chinesische Neujahrsfest liegt zwar schon wieder einige Tage zurück, aber in den Städtchen und Dörfern, durch die wir kommen, wird immer wieder Feuerwerk abgebrannt, manchmal sind die Kracher wie ein dumpfes Grollen in der Ferne zu hören, die Papierfetzen der Böllerketten liegen vor manchem Haus malerisch verstreut herum. Und an vielen Müllsammelstellen türmen sich noch die Reste des Feuerwerks von der Neujahrsnacht. Die Böllerketten können mehrere Meter lang sein, werden aufgerollt in riesigen Verpackungen verkauft und die Leute haben offenbar ihren Spaß daran, solche Ketten entlang der Straße auszulegen und den Vorbeifahrenden die Sicht zu vernebeln (abgesehen von dem krachenden Lärm).

Später kommen wir an die Küste zurück, die teils als Steilküste schöne Ausblicke bietet und weiter in eine küstennahe Ebene mit Landwirtschaft und vor allem einfacher Fischzucht in großen, flachen Becken, die mit motorisch betriebenen Paddeln ständig mit Sauerstoff versorgt werden. Natürlich auch hier vor der Kulisse mit Apartment-Hochhäusern in Strandnähe.
Die Insel Shenzhou ist mit zwei kurzen Brücken an das Festland angebunden und
hier konzentrieren sich am landseitigen Ufer die etwa 18 geschossenen Wohnhäuser, während die Seeseite ein weiter Strandpark und eben der Strand ziert.
Mitten in der Anlage liegt eine Art Zentrum mit Restaurants und einem Supermarkt, wo wir am Abend noch den Wasser- und Obstvorrat auffüllen und am nächsten Morgen bei herrlichem Sonnenwetter frühstücken.

Für die Nacht aber nehmen wir, wie einige der unterwegs getroffenen Radler auch, Quartier bei einer Fahrradstation auf dem Festland, etwas versteckt an der Umgehungsstraße gelegen, wo neben Mehrbettzimmern auch Zelte zur Verfügung stehen. Für den Abend kocht der Chef persönlich für alle und zaubert etwa 14 verschieden zubereitete Leckereien, hauptsächlich Gemüse, auf den runden Tisch.
Wie in China üblich greift jeder mit seinen Stäbchen überall zu und probiert von (fast) jeder Speise – ein fröhliches Durcheinander und die beste Möglichkeit, ein breites Spektrum der chinesischen Küche kennenzulernen.

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Im Nordwesten von Hainan

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Am Rand des Zentrums von Haikou

Dass Hainan vor etwa 25 Jahren eher noch als Entwicklungsgebiet eingestuft wurde, sieht man der chinesischen Provinz heute kaum noch an. Haikou und Sanya sind Großstädte, die genauso boomen wie andere Städte in China auch. Vielleicht ist die Bauaktivität hier sogar noch etwas stärker als in anderen Provinzen, denn Hainan hat nach wie vor den Status einer Sonder-Entwicklungszone und der Staat fördert hier zudem massiv den Ausbau des Tourismus. Die Chinesen haben die Insel längst als ihr tropisches Ferienparadies entdeckt.
Wegen des bevorstehenden Chinesischen Neujahrsfestes sind nun Anfang Februar auch entsprechend viele Urlauber und Heimkehrer aus allen Provinzen des Landes hier. Man merkt es nicht nur am Autoverkehr.

Die küstennahe Ausfallstraße von Haikou aus in Richtung Westen ist zunächst sechs-, später vierspurig angelegt, und der innerhalb der Stadt noch als Nebenfahrbahn parallel geführte Zweirad- bzw. Mehrzweckweg wird dann zu einem eigenen Radweg abseits der Straße. Eigentlich ist dies eine ganz praktische Trennung, die aber nicht konsequent beachtet wird. Sowohl Zweiradfahrer nutzen die Bahn in beiden Richtungen, wie auch gelegentlich Autofahrer, niemanden scheint es zu stören. Stattdessen wird hupend drauf hingewiesen, dass ‚man kommt‘.
Ein Verhalten, an das ich mich gewöhnen muss, genauso wie das Benutzen von Fußgängerüberwegen an großen Straßenkreuzungen. Das Radfahren ist dann auf der eigentlichen Fahrbahn viel entspannter, als auf diesem Mehrzweckweg.

Nachdem wir den Hafen und zwei Marinestützpunkte passiert haben, folgen mehrere Strandabschnitte mit Grünstreifen, die noch am Vormittag im Nebel liegen, da die Luft feucht von See her aufs kühlere Land drückt. Später ist es sonnig und wird mit 28° sehr warm. Ab und zu wird gestoppt, um im Schatten kurz abzukühlen und zu trinken, oder Obst zu essen. Da meine Haut noch nicht an die intensive Sonnenbestrahlung gewöhnt ist, schmiere ich mir zweimal selbige ein.

Unser Tagesziel Lingao erreichen wir erst am späten Nachmittag nach 98 km Fahrt entlang von Badeorten, die noch im Entstehen sind, und durch kleinere Städtchen abseits der Hauptverbindungswege sowie durch einige landwirtschaftlich genutzte Flächen. In den Niederungen sind es neben einzelnen Reisfeldern vor allem Gemüse und vereinzelt Erdbeeren, in höher gelegenen unebenen Flächen sind es Ananaspflanzungen, Bananen und Eukalypthus-Pflanzungen.

Lingao ist eine etwas größere Provinzstadt im Nordwesten Hainans, etwa 12 km von der Küste entfernt gelegen. Im Zentrum eng und pulsierend, wobei aber ganze Straßenzüge erweitert werden, um offenbar Platz für mehr Verkehr zu schaffen, an der Peripherie der Stadt weit und regelmäßig angelegt. Verlässt man die Stadt in Richtung Norden, so fährt man alsbald durch Geisterbezirke, wo frisch angelegte Straßen noch ins Nichts führen und 20-Geschosser entstehen, die von noch niemandem bewohnt werden. Selbst an der Küste wird eine ganze Hochhaussiedlung buchstäblich in den sandigen Boden gesetzt.
An einer Landzunge befindet sich eine kleine Parkanlage in der ein monumentales Denkmal an die Befreiung Hainans von der japanischen Besatzung im 2. Weltkrieg erinnert, unweit einer Fischersiedlung.

Die Nacht zum Chinesischen Neujahrstag wird sehr laut und stickig. Feuerwerk war ja schon den ganzen Tag über immer mal und irgendwo, in der Nähe oder von weiter weg zu hören. Um Mitternacht aber beginnt ein Dauerfeuer in der näheren und weiteren Umgebung. Die Kracher sind hierzulande dann auch viel lauter, als in Deutschland je erlaubt wäre. Schnell zieht der Qualm nicht nur die Straßen entlang, sondern zwischen den hohen Gebäuden auch aufwärts, so dass ich die Balkontür für den Rest der Nacht geschlossen halte. An Schlaf ist vorläufig nicht mehr zu denken, und den Jetlag habe ich noch längst nicht verdaut.

Von Lingao aus fahren wir weiter in südlicher Richtung, zunächst entlang einer der stärker befahrenen Landstraßen, über eine Autobahn hinweg, die einmal um die ganze Insel herum führt und nach etwa 18 Kilometern erst auf eine Nebenstrecke und dann entlang von teils unbefestigten Wirtschaftswegen durch eine etwas hügeliger werdende und teils dicht bewachsene Landschaft. Von einem größeren Staubecken gehen einige wasserführende Kanäle aus, die ein offenbar weit verzweigtes Bewässerungsnetz speisen. Rund um den Ort Nabao befinden sich weitere landwirtschaftliche Flächen, die offenbar auf diese Weise mit Wasser versorgt werden.
Es ist inzwischen Zeit für eine längere Pause, außerdem meldet sich nach rund 40 km Strecke auch der Hunger. Hier in Nabao finden wir dann auch eine kleine Straßenküche, in der wir Brotteig am Spieß und Spinatgemüse frittiert serviert bekommen, mariniert in einer leckeren süßlichen, scharfen Soße. Es ist allerdings auch die einzige Alternative an diesem frühen Nachmittag.
Hier im Ort, wie auch immer wieder entlang der bisherigen Strecke, sind sporadisch Böller und Kracher zu hören. Das Abbrennen von Feuerwerk hat mit der Neujahrsnacht nicht geendet, sondern offenbar erst begonnen und vielerorts werden Böllerketten in großen, rotgelb dekorierten Verpackungen an der Straße verkauft.

Nadao erreichen wir nach 67 Kilometern durch diese abwechslungsreiche aber teils auch hügelige Landschaft, die Nachmittagshitze lässt bereits etwas nach. Der Straßenverkehr ist an diesem Feiertag überschaubar, das Busterminal, an dem wir vorbeikommen, ist geschlossen. Die Stadt ist Sitz der Provinzverwaltung, deren repräsentatives Gebäude am Rande des Stadtzentrums inmitten einer großen, bewachten Parkanlage liegt.
Später, auf der Suche nach einem Restaurant in der Innenstadt, spazieren wir auch an diesem Park vorbei und ein junger Mann spricht mich in sehr gebrochenem Englisch an. Er würde eine internationale Sprachschule betreiben und sucht einen neuen Englischlehrer – fragt mich, ob ich nicht gleich bleiben wolle. Da kann ich ihn dann nur enttäuschen.

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Gut Ding braucht Weile

Der Nachteil einer Weltreise mit dem Fahrrad, die ich aus vielerlei Gründen eben nur in kleinen Etappen machen kann, liegt auf der Hand: zu jeder Etappe muss ich mehr oder weniger aufwändig anreisen und vom jeweiligen Zielpunkt auch irgendwie wieder nach hause zurück kommen. Ich beneide darum jede und jeden, die ich während einer Radreise treffe und die im Gegensatz zu mir mehr oder weniger frei und ungebunden von ihrem jeweiligen Heimatort aus auf die ‚große Fahrt‘ gehen konnten. Ob das nun Leute aus Schweden oder aus Korea sind, die ich in Südostasien getroffen habe, oder junge Leute aus Frankreich die mir in Sambia begegnet sind, oder der einsame Kanadier, mit dem ich einige Kilometer in Malawi geradelt bin und der sich von China aus per Fahrrad auf den Weg in seine Heimat gemacht hatte.

Es sind Individualisten, die für sich jeweils einen Weg gefunden haben, für die lange Dauer ihrer Reise sowohl auf Einkommen verzichten zu können, als auch überhaupt die Zeit dafür erübrigen zu können. Ob dies ideal ist, sei dahingestellt, ich bin jedenfalls ganz zufrieden damit, immer wieder einmal die Möglichkeit zu bekommen, für zumindest einige Wochen ‚auf Fahrt‘ gehen zu können.
Der Preis dafür ist jedoch eine ganze Menge zusätzlichen Stresses in den Wochen und Tagen vor einer geplanten Abreise, da die Vorbereitungen manchmal intensiv werden können und mein Job natürlich normal weiterläuft, bis zum Stichtag – dieses Mal haut mir auch noch die Fluggesellschaft Äste in die Speichen.

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Mit Air China auf dem Weg nach Haikou

Mit einer Flugannullierung, von der ich zufällig beim Prüfen meiner Buchungsdaten vier Tage vor Abreise erfahre, fängt eine Kette von Umbuchungen an, an deren Ende eine etwa 30-stündige spätere Ankunft in Haikou steht. Den eigentlichen Ärger verursacht dabei eine Verspätung des Zubringerflugs nach Frankfurt, wo der eigentliche Flug nach Beijing dann natürlich nicht warten kann. Also strande ich schnell und unerwartet am Frankfurter Flughafen und da für den selben Tag keine sinnvollen Alternativverbindungen zu finden sind, fliege ich erst am nächsten Abend über Shanghai nach Haikou – wegen des Fahrrads will ich unnötiges Umsteigen vermeiden.
Meine Reisepartnerin aus Guangzhou, die ich in Hainan treffen und die für einige Tage mit mir durch Hainan radeln will, wird solange auf mich warten müssen. Dies ist die eigentliche bittere Pille dabei, denn sie kann nicht so ohne Weiteres einen Tag Urlaub dranhängen.

Immerhin kommt mein Fahrrad mit mir wohlbehalten in Haikou an und gleich der Weg vom Flughafen zum ausgewählten Hostel, das nördlich der Altstadt liegt, wird eine lustige Erfahrung mit dem etwas ungeregelten Straßenverkehr in China.

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Altstadt von Haikou