Veröffentlicht in Hong Kong, Macau

Von Macau ist Hong Kong nicht mehr weit

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Museumsboot in Hong Kong

Nach zwei Tagen, an denen ich Macau hauptsächlich zu Fuß erkundet und ansonsten die Beine hoch gelegt habe, setze ich mich wieder aufs Fahrrad. Hong Kong ist ja nicht wirklich weit entfernt, keine 50 Kilometer, allerdings direkt über Land nur mit einem gewaltigen Umweg über die Metropole Shenzhen erreichbar.
Vor etwa einem halben Jahr wurde zwar eine Straßenverbindung zwischen Zhuhai/Macau und Hong Kong eröffnet, ein Stück Autobahn von insgesamt 55 km Länge, ein Milliardenprojekt das über drei zusammenhängende Brücken und durch einen Tunnel führt, aber für Fahrräder natürlich tabu ist. Die Brücke wird hauptsächlich von Bussen genutzt, doch ob ich hier mein Fahrrad transportiert bekommen hätte, habe ich nicht weiter recherchiert.
Stattdessen habe ich mich mit den möglichen Fährverbindungen zwischen Macau und Hong Kong beschäftigt. Das warf mir schon genügend Fragen auf, die sich im Vorfeld nicht einmal abschließend haben klären lassen. Eine klassische
Fahrzeugfähre, wie die zwischen Hainan und Guangdong zum Beispiel, gibt es hier jedenfalls gar nicht, lediglich Personenfähren in Form von Speed-Booten.

Der für mich infrage kommende Fährhafen, von wo aus die Boote der Cotai-Waterjet-Linie in Richtung Hong Kong Island verkehren, liegt leider nicht im Norden Macaus an der Küste der Halbinsel (Outer Harbour), sondern auf der Insel Taipa (Taipa Ferry Terminal), was es für mich schwierig macht, die Fähre überhaupt zu erreichen.
Nord- und Südhälfte Macaus sind über drei Brücken miteinander verbunden, von denen jedoch keine offiziell für Fahrräder freigegeben ist. An beiden äußeren Brücken, über die jeweils autobahnähnliche Schnellstraßen geführt werden, stehen jeweils explizite Verbotsschilder, und die mittlere und zugleich schmalste Brücke ist eigentlich Bussen und Taxen vorbehalten.

Einerseits bin ich ganz froh, aus der engen Stadt wieder heraus zu kommen, obwohl Macau trotz seiner geringen Ausdehnung doch viele spannende Ecken hat, die zu entdecken für mich in den zweieinhalb vergangenen Tagen gar nicht möglich war.
Das Treiben in den verwinkelten kleinen Straßen der älteren Stadtteile macht die Stadt aber durchaus interessant und die Mischung aus alter portugiesischer Architektur, zum großen Teil als Weltkulturerbe gepflegt (aber auch touristisch stark nachgefragt), und der schlichten, eher planlos wirkenden Alltagsarchitektur ist einmalig. Dazu setzen die großen Klötze der Kasino-Hotels und der unwirklich wirkende, golden verspiegelte Turm des Grand Lisboa in Form einer Lotus-Blüte, sehr konträre Akzente. Auch der 334 Meter hohe Macao-Tower am südlichen Ende der Halbinsel ist ein eher unpassender Blickfang.

Vom Guia-Hotel bis zum Taipa-Fährhafen sind es keine 10 Kilometer Strecke. Ich hatte am gestrigen Abend noch versucht herauszufinden, ob ich mein Fahrrad auf ein Boot der Cotai-Waterjets bringen kann und wie ich es dafür vorbereiten müsste, doch bei dem einzigen fußläufig erreichbaren Ticket-Schalter dieser Fährgesellschaft, am „Sands“ Kasino-Hotel, konnte man mir dazu keine Auskunft geben.

Also starte ich mit dem ‚Mut zur Lücke‘ am späten Vormittag bei noch
einigermaßen sonnigem Wetter und rolle zunächst die Estrada do São Francesco hinab, in Richtung Südwesten, Richtung des Kasinos ‚Grand Lisboa‘ und habe schnell Schwierigkeiten, die richtige Fahrspur zu finden, auf der ich dann auch weiter in Richtung des Hafens und dann weiter nach Taipa komme, um nicht in der Zufahrt zu einem der Parkhäuser am
Grand Lisboa zu enden. Etwas zu euphorisch rolle ich zu lange auf dem äußeren Fahrstreifen, ohne rechtzeitig zu sehen, dass dieser eben nicht auf dennächsten Kreisverkehr mündet, der hier am unteren Ende der Halbinsel als
zentraler Verteiler dient.

Das Schlimme ist: nachdem ich mich bis an die Kaimauern vorgearbeitet habe und am Sockel des gar nicht so hoch wirkenden Macao-Towers vorbei gerollt bin, sehe ich schon, dass Zweiräder die Rampe zur Brücke nicht hinauffahren dürfen. Ein Hinweisschild dirigiert sie darunter hindurch und zu der von Nordwesten ebenfalls an die Brücke heranführenden Rampe, mitten durch eine Baustelle hindurch.
Ja, Motorräder haben ihren eigenen Fahrstreifen auf dieser Brücke, aber Fahrräder sind hier offensichtlich doch nicht erwünscht; ein weiteres Verbotsschild direkt an der Auffahrt ist da so eindeutig wie unbestechlich.
Daran vorbei fahren kann ich aber noch, zum Ärger der hinter mir ausgebremsten Fahrzeuge, und finde mich bald erneut am Fuße des markanten Sende- und Aussichtsturms wieder.

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Torre de Macau vor der wachsenden Skyline der benachbarten Xiaohengqin Insel (Zhuhai/China)

Da bleibt mir nichts anderes übrig, als zurück um den Binnensee Lago Nam Van herum zum zentralen Kreisel an der Praca de Ferreira do Amaral zu radeln und mein Glück dort zu versuchen. Die dortige Brücke in Richtung Taipa ist allerdings schmal. Zunächst sind keine Busse hinter mir in Sichtweite, als ich die lange Rampe hinauf fahre. Taxis können mich leicht überholen, aber die Stadtbusse sind eben etwas breiter und irgendwann bildet sich doch ein Stau hinter mir, weil sich ein Busfahrer nicht traut. Er beginnt auch bald zu hupen und als ich die Spitze des etwa 35 Meter hohen Dreiecks passiert habe, das die Brücke bildet, zieht er endlich vorbei. Die südliche Rampe der Brücke führt fast wieder auf Meeresniveau hinunter und dann noch für etwa einen Kilometer weiter bis zur Küste von Taipa. Ob dies tatsächlich ein offizieller Weg für mich ist, um dort hin zu kommen – ich weiß es nicht.

Fahrräder sind dort offenbar keine Favoriten, denn nach der Brücke wird es nicht besser. Ich mache einen kurzen Orientierungsstopp an der Zufahrt zu einer Baustelle, einige Wohnhochhäuser versperren mir die Sicht, genauso wie bereits an anderen Stellen der Stadt. In einer Schleife muss ich mit dem Verkehr um einen Hügel herum fahren, aber ich komme nicht direkt bis zum Hafen, die Wendeschleife kurz davor ist bereits Teil der Autobahnzufahrt zum Flughafen, der auch nicht weit entfernt liegt. Das Rad schiebend komme ich aber über die breite Schnellstraße und die zwischen den Richtungen liegende Barriere hinweg, und über eine Seitenstraße und zwischen Industrieanlagen hindurch dann letztlich doch auf die Fährhafenzufahrt.

Meine Bedenken wegen der Fahrradmitnahme zerstreuen sich schnell, als ich am Ticketcounter direkt ein Fahrradticket kaufen kann. Damit hatte ich nun gar nicht gerechnet, das Fahrrad muss ich für den Transport nicht einmal zerlegen und an Bord der Speedfähre wird das Rad dann hinter einem nicht benutzten Tresen verstaut. Das Ticket kostet allerdings 65 Hongkongdollar (etwa 7 Euro).

Die Fahrt nach Hong Kong Island dauert über eine Stunde, in der First Class gubt es sogar kalte Getränke. Die Überfahrt ist sehr bequem und wegen des Fahrrads werde ich sogar recht früh in die Reihe zum Aussteigen gebeten. Die Passkontrolle ist auch in Hong Kong unproblematisch und genbau wie in Macau gibt es keinen Stempel in den Pass, sondern lediglich einen Ausdruck, der mir den Aufenthalt bis Anfang Juni gestattet. Außerhalb des „Macao-Ferry-Terminal“ muss ich mich dann erstmal orientieren. Auch hier in Hong Kong ist Linksverkehr angesagt und es gibt eigentlich nur Einbahnstraßen, und dann ist der Verkehr mehr oder weniger dreidimensional, denn die Fahrbahnen sind auch übereinander angeordnet. Und diese Überbauungen, häufig führen Sie auf eine der Schnellstraßen, sind für Fußgänger und Radfahrer natürlich tabu.

IMG_1162Ich will zur Queens Road kommen und diese dann auch ein Weilchen entlang fahren und es ist zum Glück auch eine der wenigen Straßen, die ausgeschildert sind. So brauche ich anfangs nur dieser Aussilderung zu folgen. Es gibt viele Bushaltestellen und neben Taxen sind die doppelstöckigen Busse die mir am meisten auffallenden Fahrzeuge auf der Straße. Sie sind durchweg sehr schnell unterwegs und an den Haltestellen fahren sie mir meist rücksichtslos in den Weg. Offenbar gibt es viele unterschiedliche Linien und die Haltepunkte liegen zumindest hier in der Innenstadt sehr dicht, oft nur wenige hundert Meter auseinander.

An vielen Ampeln muss ich halten, fahre dort meist vor bis zur Linie und bin dann meist der Erste. Zumindest solange bis mich ein überholender und gleich an der nächsten Haltestelle wieder an den Rand fahrender Bus ausbremst. 2 – 3-spurig ist die Straße; eine für Zweiräder reservierte Spur gibt es hier in Hong Kong nicht. Dafür ist die Bordsteinkante hoch und ein Zaun grenzt oft den Fußweg neben der Fahrbahn ab.

IMG_1151Ich bin längst auf der Hennessy Road und an der Causeway Metro-Station angekommen, von der mein Hostel nur etwa 200 Meter entfernt liegt, aber ich brauche eine ganze Weile, um es auch zu finden. Es ist ein verhältnismäßig kleines Gebäude zwischen all den hohen Büro- und Shopping-Türmen und viele Hinweisschilder auf mehrere kleine Hostels hängen an den beiden Eingängen. Das Zimmer, das ich dann im ersten Stock bekomme, ist extrem klein, erinnert mich ein wenig an Amsterdam und die manchmal ebenfalls sehr kleinen Hotelzimmer dort. Das Fahrrad kann ich für die nächsten Tage auf eine Art Balkon, bzw. erweiterte Vordachterasse stellen, genau vor das kleine Fenster meines Zimmers.

Veröffentlicht in China, Macau

Es geht weiter und nach Macau

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Happy Chinese New Year – year of the pig

Von Zhongshan aus fahre ich nicht direkt in südlicher Richtung weiter, denn die Berge dort lassen vermuten, dass die Strecke unangenehm werden könnte. Ich will stattdessen in einem Bogen entlang der Küste nach Zhuhai fahren, meinem letzten Stopp vor der Grenze nach Macau. In Richtung Osten führt mal wieder eine breit ausgebaute Verkehrsader vom Stadtzentrum weg und erst nach reichlich 12 Kilometern dann als S111 weiter in Richtung Süden. Stadtauswärts bietet sich auch hier das inzwischen bekannte Bild, mit nur geringer Veränderung: Wohnungsbau entlang der Schnellstraße, hier ein wenig abseits des eigentlichen Asphaltbandes. Beim Ort Nanlang kommt neben Autobahn, Schnellstraße dann auch noch eine neue Eisenbahntrasse hinzu.

Etwas weiter südlich bietet sich dann die Gelegenheit, zumindest vorübergehend auf eine Nebenstrecke auszuweichen, und hier kann ich das Radfahren bei deutlich weniger Verkehr auch wieder genießen. Das Wetter wird inzwischen zusehends besser und für einige Kilometer schlängelt sich die Straße regelrecht durch eine hügelige Landschaft. Nach kurzer Zeit weisen Hinweisschilder auf ein Museum hin: Das Dr. Sun-Yat-Sen-Museum erstreckt sich westlich neben der Straße in Form fast des ganzen Dorfes Cuiheng. Hier hat der Staatsgründer der Republik von 1921 zuletzt eine Residenz gehabt und steht auch dessen Geburtshaus. Der Besucherandrang vor einem Security Check am Eingang zu dem offenbar weitläufigen Gelände ist ziemlich groß.
Nach wenigen Kilometern führt die Straße aber zurück zur Autobahn in Richtung Süden und verläuft dann parallel dazu, in nur wenigen Metern Abstand. An einer nur für Kleinfahrzeuge zugelassenen Unterführung komme ich dann endlich wieder in östlicher Richtung weiter zur Küste.

 

In Shangzha halte ich spontan an einem Restaurant, lasse mir eine Nudelsuppe mit Gemüse und Huhn machen. Es sind Muslime, die dieses kleine Restaurant am Rand eines Gewerbegebiets betreiben und sie stellen ihre Nudeln in traditioneller Weise von Hand her, genauso wie ich es schon vor einigen Wochen in Bo’ao in Hainan gesehen hatte. Der Chef bestaunt neugierig mein vor seinem Eingang geparktes Fahrrad, sieht sich anschließend an, was ich denn da in mein Tagebuch schreibe, während sein Sohn in der Küche mit der Zubereitung des simplen Essens für mich ist.
Das sind dann einmal richtige Teignudeln, die in der Suppe verarbeitet wurden, nicht die sonst üblichen Reisnudeln oder gar Vermicellis.

Durch Shangzha und Xiazha fahre ich dann weiter und komme zurück auf die S111 und nach kurzer Strecke entlang dieser geradlinigen, neu gebauten breiten Straße an eine weite Bucht, die Quanwan Bay, an deren nördlichem Ufer sich eine ganze Kette von schneeweißen Hochhäusern erstreckt.
Der Bucht folgt nach dem Umfahren des Ausläufers eines Hügels die sich noch viel weiter nach Süden erstreckende Xiangzhou Bay, an der sich auch ein kleiner Fischerhafen, geschützt durch die vorgelagerte Insel Yeli Island befindet.

 

In der Nachmittagssonne sind Arbeiter damit beschäftigt, entlang einer Promenade Blumenrabatten für eine Neubepflanzung vorzubereiten.

Dieser äußerste Bezirk von Zhuhai besteht größtenteils aus Ferienwohnblöcken, die hinter teils hohen Zäunen gesichert in erster Reihe an dieser weitläufigen Promenade stehen, mit Blick auf die schneeweiße Fassade einer architektonisch ungewöhnlich gestalteten Konzerthalle auf dieser Insel.

Dieser äußerste Bezirk von Zhuhai besteht größtenteils aus Ferienwohnblöcken, die hinter teils hohen Zäunen gesichert in erster Reihe an dieser weitläufigen Promenade stehen, mit Blick auf die schneeweiße Fassade einer architektonisch ungewöhnlich gestalteten Konzerthalle auf dieser Insel.
Den Küstenbereich verlasse ich dann an diesem Teil der Bucht auch schon wieder und fahre von hier aus weiter in Richtung Innenstadt, denn mein Quartier befindet sich am genau entgegengesetzten Ende, der Stadt und noch etwa 8 km entfernt.

Den Küstenbereich verlasse ich dann an diesem Teil der Bucht auch schon wieder und fahre von hier aus weiter in Richtung Innenstadt, denn mein Quartier befindet sich am genau entgegengesetzten Ende, der Stadt und noch etwa 8 km entfernt. Wieder muss ich einen Umweg fahren, da, wie sich herausstellt, die Brücke der S366 über den Qianshan River, die ziemlich direkt in das Viertel mit meinem vorab reservierten Hotel führen würde, mal wieder für Fahrräder gesperrt ist. So muss ich einige Kilometer entlang des Flussufers fahren, bis zu einer mehr Behelfsbrücke, die dann aus einer anderen Richtung und mitten durch eine Baustelle hindurch dorthin führt. Auch nicht schlimm, doch ich brauche eine Weile, bis ich das etwas versteckt in dem Viertel liegende Hotel auch finde.


Letztlich finde ich aber das Lim-Hotel doch und später am Abend ist das anfangs etwas winkelig angelegte und verwirrend wirkende Viertel mit seinen vielen kleinen Geschäften auch gar nicht mehr so unübersichtlich.
Zum Essen am Abend, Reis mit Sellerie und Chinesischem Spinat plus einem Eierpfannkuchen, trinke ich einmal ein Tsingtao-Bier, als Abschied von China, das ich morgen über die Grenze nach Macau wieder verlassen will.

Doch an der Grenze werde ich mit meinem Fahrrad zurückgewiesen, da hilft alle Diskussion mit einem Aufseher und mit einem der Grenzpolizisten nichts. Das Fahrrad wird nicht als Fahrzeug angesehen, ich soll damit, beladen wie es ist, so wie hunderte andere Fußgänger auch, durch eine große Abfertigungs-, Kontroll- und Zollhalle hindurch. Der Gonbei-Port wirkt wie ein riesiges Bahnhofsgebäude und eine freundliche Polizistin erklärt mir auf meine Frage hin, dass ich dort mit meinem Fahrrad durchaus hindurch darf.
Noch vor dem Gebäude werden die Reisenden auf mehrere Korridore aufgeteilt, an deren jeweiligem Ende alles Gepäck durchleuchtet wird. Also alle Taschen abladen und in den Scanner schieben, das Fahrrad interessiert nicht. Danach geht es in die große Halle hinein, wo die Pass- bzw. Ausweiskontrolle hauptsächlich automatisiert erfolgt. Nicht jedoch für Ausländer. Vor dem Kontrollschalter muss ich das Rad durch den fest abgezäunten, schmalen Korridor schieben, genau wie wenige hundert Meter dahinter noch einmal auf der Seite von Macau. Mein Pass und das Visum werden untersucht, der Computer braucht dann eine Weile, bis er der Beamtin am Schalter erlaubt, den Ausreisestempel in meinen Pass zu drücken.
Dann folgt der chinesische Zoll, wieder muss ich die Taschen abladen und in den nächsten Scanner schieben. Doch es gibt keine Beanstandungen.

Auf der anderen Seite der großen Halle gibt es noch nicht einmal einen Stempel in den Pass, lediglich einen Zettel. Dann bin ich auf einmal in Macau – kleiner Busbahnhof, die Sonne drückt inzwischen wieder stärker durch die Wolken.
Ich setze mich auf eine Bank, ziehe die dünne Jacke aus. Vor mir erhebt sich eine Wand aus schmucklosen acht-, bis vierzehngeschossigen Wohnhäusern zwischen denen die schmale Straße verschwindet, auf der ich kurz darauf in die Enge dieser Stadt eintauche.
An Einbahnstraßen muss ich mich jetzt gewöhnen, an unvermittelte Richtungswechsel und plötzliche Anstiege hinter der nächsten Ecke – und an Linksverkehr. Der ist noch das geringste Problem, aber die Einbahnregelung verbunden mit der Enge der Straßen bremsen mich mehrmals aus.

Die enge Bebauung direkt entlang der Straßen, an denen oft nur ein schmaler Fußweg minimalen Abstand bietet, macht die Stadt sehr unübersichtlich. Eine kurze Übersicht verschaffe ich mir in einer Seitenstraße, die steil einen Hügel gleich etwa 500 Meter nach der Grenze hinaufführt, zu einem kleinen Park und den Resten eines alten portugiesischen Forts. Dem ‚Fortaleza da Mong Ha‘.
Ringsum sehr unterschiedliche Wohnhochhäuser und in der Ferne die Silhouette des ‚Macao Towers‘ und des Kasinos ‚Gran Lisboa‘.

Bis zu meinem Quartier hier in Macau, dem Guia Hotel, das auf halber Höhe unterhalb des gleichnamigen Leuchtturms an einer weiteren Erhebung, etwas weiter südlich liegt, ist es keine 2 Kilometer weit, doch wegen der Einbahnstraßen brauche ich noch etwa eine halbe Stunde bis dorthin.

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Guia Leuchtturm inmitten von Macau
Veröffentlicht in China

Große Städte im Südwesten des Perlenflusses

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Am Jiang River in Zhongshan

Die Region südwestlich der Metropole Guangzhou wird von vielen Flüssen durchzogen, die alle in Richtung Südchinesisches Meer strömen, sich teilweise zu breiteren Strömen vereinen, wie der Perlenfluss, der bei seiner Mündung zwischen Hong Kong und Macao eine Breite von mehr als 35 km aufweist.
Diese Region ist stark industriell entwickelt, es werden von Elektronikkomponenten bis zu großen Maschinen viele Dinge produziert und transportiert und entsprechend stark ist die Infrastruktur ausgebaut. Hauptsächlich Fernverkehrs- und Expressrouten, für die dann auch mehr oder weniger aufwendig konstruierte Brücken zum Queren der vielen Wasserwege vorhanden sind. Diese Brücken bestimmen dann letztlich auch meine Route durch die Region, zunächst nordwärts von Jiangmen aus über Heshan bis an den Rand von Foshan, um dort Florence noch einmal kurz in ihrer Heimat zu treffen, danach südwärts über Shunde nach Zhongshan und von dort nach Zhuhai und weiter bis nach Macao.

 

Leider beschert mir der Winter im Süden Chinas vorübergehend graues und feuchtes Wetter, zumindest seit ich von Taishan aus weiter in nördlicher Richtung gefahren bin, wurde es täglich etwas kühler und regnerischer. Jiangmen z.B. habe ich nur grau und mit Dauernieselregen in Erinnerung. Ich hatte dort ein Zimmer in der Nähe einer schön angelegten Parkanlage, die am Tag meiner Ankunft noch von vielen Einheimischen zum abendlichen Spazieren, zum gemeinsamen Gesang oder auch Tanz genutzt wurde, was an dem verregneten zweiten Tag und Abend dann ausfiel. Dabei ist das immer wieder ein nettes Schauspiel, wenn Leute verschiedenster Altersstufen sich auf einem großen Platz treffen, um gemeinsam in der Dämmerung zu der Musik aus einem manchmal quäkigen Lautsprecher zu tanzen.

Überhaupt war ich an meinem Pausentag in Jiangmen nur wenig draußen, habe mir das Xinhui Museum angesehen, wo mehrere kleinere Ausstellungen präsentiert werden, Eintritt frei. Es sind einige Werke lokaler Künstler zu sehen, einige Stücke älterer chinesischer Porzellankunst, sowie Ausgrabungsstücke, die bei der Restaurierung der Bauten vor einigen Jahrzehnten freigelegt wurden.

 

Als ich von Jiangmen weiter in Richtung Norden fahre, ist der Himmel stark bewölkt, der leichte Regen vom Abend hat in der Nacht irgendwann aufgehört, aber die Tropfgeräusche waren von den Blechdächern der Balkone am benachbarten Gebäude noch bis zum Morgen zu hören, mehr als 15°C werden es an dem Tag nicht. Die Stadt ist eine Flächenstadt und hat am westlichen Rand, begrenzt durch einige Berge, auch großzügige Grünflächen, wie die Gui Feng Shang Scenic Area. Wie so viele andere Parkanlagen in China auch, ist das Gelände jedoch eingezäunt und an den Zuwegen gut gesichert. Polizisten beobachten sogar recht genau den Verkehr vor dem südlichen Eingang, an dem ein größerer Parkplatz vorhanden ist, wo aber auch mal wieder gebaut wird.

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Gui Feng Shang Scenic Area

Ich dachte, hier am Rand einen Teil der Stadt umfahren zu können, muss aber letztlich doch durch das Zentrum, bis zu dem ich allein schon 20 km Strecke mache. Unterwegs wärme ich ich bei einem McDonalds auf – immerhin gibt es dort mal wieder Kaffee. Im Zentrum der Stadt dann ein großes Rondell, um das der Verkehr herum geleitet wird, und mitten drin befinden sich gleich zwei Museen. Dasjenige für zeitgenössische chinesische Kunst ist leider geschlossen, das zweite, welches den chinesischen Auswanderern der beiden vergangenen Jahrhunderte gewidmet ist, sehe ich mir hingegen kurz an. Gerade aus dieser Gegend Chinas, durch die ich mich im Moment bewege, sind vor allem im 19ten Jahrhundert viele Menschen nach Nordamerika ausgewandert und haben dort u.a. den Bau der tausende Kilometer langen Eisenbahnlinien in den USA und vor allem in Kanada ermöglicht, einfach durch ihre Vielzahl an Arbeitskräften.

 

Der Übergang von Jiangmen nach Heshan ist dann beinahe nahtlos, auch wenn die beiden Städte auf der Karte klar voneinander getrennt sind und theoretisch weit auseinander liegen. Die Wohngebiete Jiangmens dehnen sich aber einerseits immer weiter nach Norden aus, werden auf den Werbebannern entlang der Bauzäune, die so eine Bauzone immer vor zu neugierigen Blicken abschirmen, aber als künftige Wohnparadiese angepriesen, wo das Leben entspannter und ökologischer als bisher sein wird. Und andersherum dehnt sich der Industriegürtel von Heshan immer weiter nach Süden aus.
Aber es gibt dazwischen noch Nischen, in denen kleinere Dörfer existieren und das Auge vom Grün der Landschaft wieder etwas beruhigt wird. Im Vorbeifahren zumindest kurzfristig.

 

Später fahre ich durch den zentralen Bereich der Stadt Heshan auf kleineren Seitenstraßen, komme durch ein Wohnviertel mit vielen kleinen Geschäften entlang der Straßen und halte dabei nach einer Bäckerei Ausschau. Es sind oft unscheinbar kleine Läden, die aber trotzdem von außen aufgrund der drinnen vorhandenen, beleuchteten Glasvitrinen gut zu erkennen sind. Ich habe es mir inzwischen angewöhnt, am Nachmittag, wenn ich am Tagesziel angekommen bin und das jeweilige Hotelzimmer bezogen habe, mir einen Instantkaffee zu machen und ein Stück von dem in praktisch jeder Bäckerei angebotenen Blätterteig mit Pudding zu essen. Eine Créme Brûlée en miniature sozusagen – lecker, nach den Stunden auf dem Rad.
Auch hier habe ich relativ bald Glück, sehe den kleinen Backshop rechtzeitig und kaufe neben dem Puddingtörtchen auch noch ein Stück einer andere Variante von Blätterteigkuchen. In den Hotelzimmern hatte ich bisher immer einen Wasserkocher zur Verfügung und diese Serie setzt sich auch in Heshan fort.

Am nächsten Tag will es gar nicht erst richtig hell werden, der Himmel bleibt dicht und grau verhangen. Von meinem Zimmer im 7. Stock aus erscheint die gegenüberliegende und ebenfalls graue Häuserfront wie eins mit dem Grau der Wolken.
Das Guoshang Hotel liegt praktischer Weise schon am nördlichen Stadtrand von Heshan, so komme ich schnell an den Shaping River, einen Zufluss des breiten Xi Rivers, an dessen Ufer ich dann einige Kilometer in östlicher Richtung entlang fahre. Es scheint heute noch kühler zu sein, dabei dachte ich gestern schon, es wäre der Tiefpunkt. Als es nach kurzer Zeit erst mit Niesel, dann etwas stärker zu regnen beginnt, suche ich mir eine Überdachung und werde auch bald am Büroeingang einer Werkstatt, die an der Nebenfahrbahn der Y985 liegt, fündig. Das Vordach ist nicht breit, reicht aber, um trocken die Packtaschen öffnen zu können. Ich suche meine etwas wärmeren Handschuhe heraus, denn mit den sehr offenen, einfachen Handschuhen, kühlen mir die Hände bei dem Regen zu schnell aus. Die Regenjacke trage ich eh von Anfang an, mit drei wärmenden Lagen darunter.

 

Als der Regen nachlässt, fahre ich weiter. Anfangs suche ich mir eine Uferstraße, von der ich annehme, dass sie für den Durchgangsverkehr nicht interessant ist, was eigentlich auch so stimmt. Was ich aber nicht weiß; es gibt entlang dieser schmalen Betonpiste eine Reihe von Baustoffbetrieben, die Baurohstoffe wie Sand und Kies direkt vom Flussufer, von dort anlandenden Frachtschiffen geliefert bekommen. Das macht das Umschlagen des Materials recht einfach und von den Betrieben aus wird das Material mit LKWs dann weiter verteilt. Sehr zu meinem Leidwesen, denn es sind eine ganze Menge LKWs die teils recht sportlich mit dem Feinkies auf der Ladefläche diese schmale Betonstraße entlang geschossen kommen.

Leider geht diese Straße nach kurzer Strecke in eine Baustelle über. Offenbar soll sie durch einen Neubau ersetzt werden und wurde schonmal um einige Dutzend Meter verlegt, zudem dient sie nun als Baustraße, hat keinen festen Belag mehr, sondern eine Oberfläche, die zwar aus dem ehemaligen Beton besteht, der zuvor aber fein geschreddert und nun als neue Fahrbahn aufgeschüttet und verdichtet wurde. Der Regen und viel Sand, der von den großen Fahrzeugen von der Baustelle immer mitgeschleppt wird, machen das zu einer unebenen und schlammigen Angelegenheit. Ich komme nur noch sehr langsam voran, da ich auf dem holperigen, in schlammigen Pfützen auch schlüpfrigen Untergrund weder stecken bleiben noch wegrutschen will.
Nach etwa 2 Kilometern ist dieser Spuk aber vorbei und das Fahrrad ist inzwischen eingesaut, wie schon lange nicht mehr.

Für einige Kilometer folgt ein Abschnitt der schon fertiggestellten neuen Straße, die in beiden Richtungen jeweils dreispurig angelegt ist und kaum benutzt wird. Sie dient als Zubringer zur S112, eigentlich einer niederrangigen Fernstraße, deren Brücke über den XiJiang ich in Richtung Osten nutzen will. Überraschender Weise ist sie für Fahrräder gesperrt, das Schild an der Zufahrt ist eindeutig. Ich ignoriere es trotzdem, denn ich habe keine Alternative. Als ich mich die Rampe hinauf arbeite, wird mir auch klar warum. Den sonst immer vorhandenen Seitenstreifen hat man hier gespart, dafür die drei Richtungsfahrbahnen etwas breiter ausgelegt. Der von Süden her aus der Region Jiangmen kommende Fernverkehr besteht fast nur aus Schwerlast-, überwiegend Container transportierende LKWs, die Taktfolge ist ziemlich dicht.
Auf halber Höhe steht am Fahrbahnrand, dort wo eine Fußgängertreppe ansetzt, die ich nun wirklich nicht nutzen wollte, einsam ein Polizeimotorrad, aber weit und breit ist niemand zu sehen. So ziehe ich letztlich unbehelligt am rechten Rand der rechten Spur über die etwa 1,5 km lange Brücke und den danach noch ansetzenden Damm, auf dem aber schon wieder eine separate Spur für langsamere Fahrzeuge existiert. Etwa 2 km weiter mache ich an einer Zufahrt in ein Dorf unter weit ausladenden Bäumen eine kurze Verschnaufpause und ziehe die Regenjacke endlich aus, die mir inzwischen etwas zu warm geworden ist.

Später muss ich noch zwei weitere Schnellstraßenbrücken benutzen, die jedoch nicht ganz die Dimension derjenigen am XiJiang haben. Einmal bei Leliu, wobei ich die Stadt selbst nur streife, und später bei Long Jiang über jeweils einen Seitenarm des Shunde Zhuxi. Bei letzterer sehe ich schon von weitem, dass der Treppenaufgang zum separaten Fußweg über die Brücke auch eine schmale Spur zum Schieben von Zweirädern hat. So mache ich mir die Mühe, hänge mir eine der beiden Gepäcktaschen über die Schulter und schiebe das Rad langsam die vier Treppenabsätze nach oben, wo ich dann ganz entspannt und getrennt vom Verkehr die ca. 400 m lange Brücke zum anderen Ufer hinüber radeln kann. Dort muss ich das Rad die Treppe dann wieder hinunter schieben, der Schnellstraße ein Stück weit folgen, bevor ich an einer Wendestelle zu meiner eigentlich Richtung wieder zurückfinde.

In Beijiao mache ich erneut einen Tag Pause, hatte mir vorgenommen, mit der Metro von Foshan aus nach Guangzhou hineinzufahren, aber lasse es wegen des durchwachsenen, kühlen Wetters bleiben und mache stattdessen einen Tagesausflug über 50 km mit dem Fahrrad nach Shanwa, einem kleinen Städtchen mit teils erhaltenem Altstadtkern. Das führt mich zwar in die entgegengesetzte Richtung, aber dieser Ort ist auch eine Besichtigung wert.

Als ich dann heute morgen in Richtung Süden weiterfahre, ist die Luft gleich wieder etwas wärmer, als an den letzten Tagen, und über den Nachmittag scheint auch ab und zu mal die Sonne.

Veröffentlicht in Allgemein

Auf Chinas Straßen bedarf es manchmal viel Geduld

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Leichter Stress an einer Straßenkreuzung in Dianbai

So ganz allgemein ist der Straßenverkehr hierzulande etwas problematisch. Gab es vor 20 Jahren noch verhältnismäßig wenige individuelle Privat-PKW und waren Taxen neben Bussen das Hauptverkehrsmittel in den Innenstädten, so quellen die Straßen der Städte inzwischen mit hauptsächlich großen Autos über. Daneben sind Kleinmotorräder und Elektro-Mopeds oder -Mofas ebenfalls sehr weit verbreitet.
Bei Fernstraßen ist der Verkehr meist nur im näheren Umkreis größerer Städte sehr dicht, vor allem stadtauswärts, wo lange Ampelphasen meist zu langen Staus führen. Für viele Überlandverbindungen gibt es aber oft eine Alternative, manchmal ist diese allerdings noch im Bau, und ein Netz von Autobahnen trägt ebenfalls einen großen Anteil des Fern- und vor allem Schwerlastverkehrs. Das sehe ich nur manchmal in der Ferne, Fahrräder sind dort natürlich nicht erlaubt.

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Hier gehts in Richtung Wuchuan und Guangzhou

Die Überlandverbindungen sind meist sehr gut zu befahren, oft mit zwei Richtungsfahrbahnen plus Seitenstreifen, wenn nicht der Belag schon zu alt und ausgefahren und der Seitenstreifen nicht mehr brauchbar, der Belag insgesamt holprig ist, und man mehr auf die Straßendecke achten muss als auf den Verkehr.
Das kommt aber eher selten vor und ich hatte es richtig unangenehm bisher nur auf einem Teilstück der G325 zwischen Yangjiang und Enping für einige Kilometer. Da es dort aber mit nur wenigen hundert Metern Abstand die G15 als parallel verlaufenen Expressway gibt, war der Verkehr auf diesem Teilstück überschaubar.
Sonst ist praktisch immer ein breiter Seitenstreifen vorhanden, so dass ich dort als Radfahrer theoretisch immer genügend Abstand zum eigentlichen Verkehr habe. Aber ganz so einfach ist es leider nicht immer.

Sobald irgendwo der Verkehr stockt, kommt irgendein schlauer Fahrzeuglenker auf die Idee, doch mal rechts auf dem Seitenstreifen zu probieren, ob es dort nicht weitergeht, nur um festzustellen, dass es eben nicht geht und um dann langsam wieder zurück in die Spur zu rollen, wenn da nicht schon jemand anderes schnell aufgerückt ist. So ist der Seitenstreifen dann auch blockiert, wenn diese Aktion nicht zuvor schon das gerade auf gleicher Höhe rollende Zweirad beiseite gedrängt hatte. Rücksicht ist nicht weit verbreitet.

Total nervig sind die Innenstädte, vor allem in kleineren Orten. Regel Nummer eins: wenn ICH komme, dann habe ICH Vorfahrt und dass ICH komme, mache ich stets mit lautem Hupen bekannt. Egal ob Moped, Mofa, Dreirad, Auto, Mini-LKW, LKW, Kleinst-Transporter, oder was auch immer. Am schlimmsten sind Busse, denn die haben zudem auch noch immer Recht :). Oder irgendwie so ähnlich.
Kein Land, in dem nicht mehr und öfter nutzlos gehupt wird, als wie hier. Es ist manchmal dermaßen – ahhh, widerlich; nicht, weil man mich als kleinen Radfahrer meint und von der Straße tröten will, sondern weil dies offenbar die offizielle Sprache aller Verkehrsteilnehmer untereinander ist. Es ist dies vermutlich auch eine Ursache für viele frühzeitige Gehörschäden.

Das zweite Prinzip ist auch ganz einfach: nicht auf andere achten, sondern einfach fahren. Bisher habe ich nur eine leichte Kollision zweier E-Mopeds untereinander gesehen und mir selbst einmal eine Packtasche abgefahren, weil der Typ von schräg rechts kommend eben genauso draufgehalten hatte, wie ich. Wirklich defensive Fahrweise musste ich mir hier erst angewöhnen. Denn das nächste Fahrprinzip ist das Schwarmprinzip (also zumindest die Mopeds untereinander): immer auf gleicher Höhe bleiben und wenn die Lücke sich ergibt, dann am besten gleich hinein, oder noch besser, dran vorbei. Die hinter dir halten schon den Abstand, wenn sie selbst die schlechtere Position haben.

Ich weiß nicht, ob es wirklich Regeln gibt. Mopeds und andere Zwei- oder Dreiräder (manchmal auch Autos und Kleinlaster, die zur nächstgelegenen Wendestelle wollen) fahren an beiden Straßenrändern immer auch in beide Richtungen. Die Entgegenkommenden meist (aber nicht zwangsläufig) ganz außen – also sie drücken dir am Seitenstreifen so etwas wie Linksverkehr auf. Kein wirkliches Problem, man sieht sich ja eigentlich rechtzeitig, es hat aber zur Folge, dass wenn zudem ein Auto oder Kleinlaster den rechten Straßenrand blockiert (eine weitere gängige Eigenheit), oder vielleicht gleich mehrere Fahrzeuge dort stehen, weil ein Händler dort besonders schönes Obst anbietet – am liebsten stehen die Autos nebeneinander auch noch leicht in die rechte Fahrspur hinein – dann musst du immer damit rechnen, dass wenn du diese Engstelle gerade passierst, dir auch genau dann ein Zweirad entgegen kommt und dich noch weiter in die Fahrspur zwingt, oder eben ausbremst. Also darf ich nie einfach nur mein Tempo fahren wollen, sondern muss immer damit rechnen, im nächsten Moment stoppen oder ausweichen zu müssen. Manchmal bin ich ja auch stur, aber ich habe schnell gelernt, dass ich damit hierzulande nicht weit komme.

Die größeren Straßen haben meist eine Barriere zwischen den beiden Fahrtrichtungen, sowohl in den Innenstädten, wie auch außerhalb, sofern die Straße mehr als einen Fahrstreifen je Richtung hat. Wenden oder Abbiegen geht nur an Lücken in dieser Barriere, die auch häufig mit einem Zebrastreifen für Fußgänger vorhanden ist, mit einer kleinen Stufe innerhalb der Barriere, die von Fahrzeugen nicht gequert werden kann. Alle paar hundert Meter gibt es Lücken zum Abbiegen und Wenden auch für größere Fahrzeuge. Das sind immer wieder Gefahrstellen, wenn ein Auto dort wenden will, sich nicht traut und damit die linke Richtungsspur blockiert, oder ganz gemächlich in den Gegenverkehr hineindreht und diesen, unter protestierendem Hupen, kurzfristig ausbremst, um quasi selbst einzufädeln. Innerorts sind deshalb meist nur 40 km/h erlaubt, manchmal weniger, außerorts nie mehr als 80 km/h – allerdings hält sich niemand daran.

Der Anteil an Fahrrädern im Straßenverkehr ist offenbar sehr gering in den Städten, eher werden sie noch von älteren Leuten genutzt, die damit vermutlich groß geworden sind, auf dem Land sehe ich sie öfter. Dafür gibt es in den größeren Innenstädten viele Leihfahrräder, oft auch als Pedelecs, die man mit einer App ausleihen kann. Es gibt dafür verschiedene Anbieter (meist Moo Bikes) und in manchen Städten stehen die meist ziemlich einfachen Dinger überall herum, genau wie zuhause.

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