Veröffentlicht in China

Von Taishan nach Jiangmen

IMG_9922Es ist ungewöhnlich kühl am Morgen. Ein fast eisiger Wind von Nordost bläst mir entgegen, als ich mal wieder recht spät am Tag in Taishan starte. Mit den Schauern von letzter Nacht, hat sich die Luft insgesamt wohl etwas abgekühlt. Dabei war der Sonnenschein vom Hotelzimmer aus betrachtet so verlockend und ich habe meine warmen Sachen tief in die Packtaschen gesteckt. Über die dünne Weste ziehe ich dann bald noch die dünne Windjacke.

Ich muss noch einmal durch die renovierte Altstadt, die hinter der Brücke über den Taishan Fluss beginnt und teils aus einem Gewirr von kleinen parallel, aber nicht geradlinig verlaufenen schmalen Straßen besteht, rechts und links jeweils eng mit den klassischen zweigeschossigen Häusern bebaut, die man in kleineren Städten noch sieht, die an vielen anderen Orten aber längst der kompletten Neugestaltung der Innenstädte zum Opfer gefallen sind.  Die Gebäude sind nicht nur in erster Reihe entlang der etwas breiteren, durch dieses Viertel hindurch führenden Hauptstraße teilweise völlig neu errichtet. Diese Neubauten imitieren den alten Baustil, haben aber beinahe glatte, weniger verschnörkelte Fassaden. Im unteren Geschoss befinden sich Geschäfte, Werkstätten, kleine Galerien. Für dieses Viertel müsste ich einen Tag Zeit haben, bin gestern am späten Nachmittag schon einmal hier vorbei gekommen, als ich mir noch eine große Parkanlage am Stadtrand angesehen hatte, jetzt kann ich auch nur langsam hindurch rollen und muss dann weiter. Gestern am Abend war hier deutlich mehr Verkehr auf der Straße.

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In der Altstadt von Taishan

Die kühle Luft bewegt sich unverändert, als ich etwas später wieder auf offenem Land auf der stark befahrenen S273 nordwärts fahre. Mancherorts sind die Ausblicke von dieser Straße ja recht interessant. Einmal ist da ein Dorf in geringer Entfernung, an dessen Nordende eine Art von Wehrturm den Abschluss dieses Dorfes bildet, etwas später bilden eingezäunte Gewerbeflächen den Rahmen der Straße, von Heavy Industries ist an der Zufahrt eines großen Areals mit gewaltigen Hallen, denen man nicht ansieht, was drinnen verarbeitet wird, zu lesen. Vielleicht wird Stahl erzeugt? Auf den riesigen Freiflächen stapeln sich jedenfalls Stahlplatten und -röhren verschiedenster Dimension.

Dann wieder Baustellen, Hochhausbau auf der einen Straßenseite, Straßenbau auf der anderen. Von einem größeren Industriebetrieb schwärmen Arbeiter auf ihren Elektro-Mopeds aus und kommen mir auf dem Seitenstreifen entgegen.
Inzwischen kommt die Sonne ab und zu durch die Wolken und es wird schnell wärmer, nach etwa 12 km auf dieser zwar geradlinig verlaufenden, aber dennoch unangenehmen Straße setze ich mich ostwärts in Richtung einer schmalen Querverbindung ab – und lande dort prompt in einer Sackgasse. Eher unscheinbar war bereits etwa 200 Meter zuvor ein schmalerer Betonstreifen schräg in die Landschaft hinein abgezweigt.

 

Okay, diese schmale, gleich hinter einer langgezogenen Biegung im Grünen in Richtung bewaldeter Hügel verschwindende Straße nehme ich jetzt. Doch es dauert nicht lang, da wird die Betondecke erst löchrig und ist ein gutes Stück weiter komplett eingebrochen. Für einige Meter überzieht bräunlich schlammiges Wasser die Straße, ein paar hundert Meter weiter ist es unebener, lehmiger Boden mit Pfützen, was anstelle der Straßendecke übrig ist und bald darauf sehe ich auch warum: zwischen den Hügel wird in der Richtung in die diese alte schmale Straße verläuft eine neue Straße angelegt. Von der Breite des aufgeschütteten Damms geschätzt, könnte es eine vierspurige Straße werden, teils sind die Hügel dafür abgetragen worden, wie ich später sehe, das bewegte Erdreich bildet den Damm, der an manchen Stellen über bereits gegossene Betonröhren aufgeschüttet wurde, die später als Wasser-Querläufe dienen werden. An anderer Stelle wird der Untergrund erst präpariert, werden Betonstützen gegossen.
Die Straße, die ich hier als Stille Alternative durch die Berge und entlang eines Stausees nutzen will, dient jedenfalls als Baustraße für diesen Neubau und die schweren Baumaschinen und Material-LKWs haben ihre offenbar schwer zugesetzt.
Im Moment ist von diesen Fahrzeugen allerdings nicht viel zu sehen, nur wenige Arbeiter sind überhaupt auf dieser riesigen Baustelle anwesend. Insgesamt komme ich natürlich vorwärts, aber ich muss oft stoppen, um dann vorsichtig durch die schlammigen Abschnitte zu fahren, und umdrehen will ich natürlich nicht. Glücklicher Weise sind jetzt keine großen LKWs auf der schmalen Straße unterwegs, lediglich ab und zu ein Kleintransporter, der mich überholt. Das gibt mir auch gleichzeitig die Gewissheit, dass die Straße durchgängig ist und nicht irgendwo wegen der Baustelle ganz endet.

 

Eigentlich ist es eine ruhige, weit entrückte Gegend, durch die ich hier komme und die schmale Straße wurde sicherlich einmal angelegt, um eine Versorgungsstraße für den Stausee zu haben. Wenn der Neubau erst fertig ist, wird sich das Bild vermutlich stark verändern. Nach etwa 20 km erreiche ich den nächsten Ort und kurz bevor die nun wieder mit zwei regulären Fahrstreifen ausgestattete und eng mit Straße in Shuang Shui auf die S271 mündet, halte ich an einem Restaurant, wo ich nach etwas längerer Verhandlung mit einer hilfsbereiten jungen Frau, die nur geringfügig besser Englisch spricht als ich Chinesisch, eine schöne Portion Gemüse und einen gedünsteten Fisch bekomme. Der ist stäbchengerecht vorgeschnitten und so zart, dass ich mit den Gräten nicht lange kämpfen muss.

Auf der von Südwesten nach Jiangmen hinein führenden Landstraße dominiert dann bald wieder der schwere LKW-Verkehr und die Straße wird für zwei Brücken, die nacheinander über den Tan River führen, auch noch schmaler. Ein großer Teil dieses Verkehrs biegt aber auf eine Ringstraße ab, die am Ortseingang quer dazu verläuft und danach wird es gleich wieder ruhiger. Gewerbebetriebe liegen auf beiden Seiten der Straße, Möbeltischlereien hauptsächlich, die offenbar alle sehr ähnliche Designs an Tischen und kleineren Schränken in einem rötlich braunen Holz produzieren.

 

Schnell ist der übliche Innenstadtverkehr wieder um mich herum, den ich viel mehr beachten muss, als die LKW auf irgendwelchen Landstraßen.
Mein Quartier liegt dann für zwei Tage am Rand eines kleinen Parks und direkt Seite an Seite mit mit dem Xinhui Museum, einem repräsentativen Bau aus einer früheren Dynastie. Nach inzwischen knapp drei Wochen auf dem Rad will ich auch einmal einen Tag Pause machen.

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