Veröffentlicht in China

Überraschende Begegnung und der weitere Weg bis Taishan

Heute morgen ist es dann doch passiert (schreibe ich mir am 19.02. ins Tagebuch): auf der recht stark befahrenen G325, die etwas nördlich von Yangxi verläuft und die ich für etwa 6 – 7 km benutzen muss, bevor ich wieder ins Hinterland abtauchen kann, sehe ich bereits von Ferne die Silhouette eines eher ungewöhnlich beladenen Zweirads vor mir. Bald kann ich die typischen Reflektoren von Ortlieb Packtaschen an dem Rad, das etwas langsamer als ich fährt, erkennen. Ein Radreisender, der offenbar auf einer langen Tour ist, denn neben zwei großen Packtaschen am Hinterrad, hat er auch vorne zwei Taschen am Lowrider und zusätzlich einen wasserdichten Packsack auf dem Gepäckträger, außerdem einen leeren Wasserkanister. Ich überhole und grüße und es stellt sich heraus, dass es ein Chinese ist, etwa in meinem Alter, der seit rund vier Monaten sein Land bereist und nun auf dem Weg nach Shenzhen ist. Besonders gut ist sein Englisch nicht, aber für den kurzen Austausch genügt es. Es freut uns gegenseitig, uns getroffen zu haben und wir wünschen uns gegenseitig gute Reise, denn er fährt weiterhin auf der Fernverkehrsstraße, während ich an dem Abzweig, den wir inzwischen erreicht haben, auf eine weiter nach Süden führende Nebenroute wechsle. Ich will heute nur bis nach Yangjiang fahren und kann mir einige Kilometer Umweg leisten.

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So ungewöhnlich beladen fährt nur ein Radreisender

Kurzer Stopp nach etwa 12 km bei einer Bäckerei, die neben Süßgebäck und vielen verschiedenen Keksen auch belegte Toasts mit Käse anbietet. Ich brauche noch etwas für das ‚zweite Frühstück‘ und für den Nachmittag.
Seit Yangxi hat sich die Umgebung etwas verändert, mancherorts ist die Vegetation richtig üppig. Die Landschaft bietet mehr Abwechslung als an den letzten Tagen; grüne Hügel, wenig Agrarflächen, die Straße macht häufiger Richtungswechsel, kreuzt zweimal eine Bahntrasse. Die umliegenden Dörfer haben von dieser auf Betonstelzen, bzw. überwiegend auf einem Damm geführten, ihre Landschaft zerschneidenden Bahntrasse nicht viel, der nächste Bahnhof liegt weit entfernt.

 

Leider wird es heute gar nicht richtig hell, der Himmel ist dauerbewölkt, seit es gestern abend doch noch kräftiger geregnet hatte. Die Luft ist trotzdem nicht kühl, ungefähr 22°C bei sehr hoher Luftfeuchte, ab und zu fallen einzelne feine Regentropfen.
Auch in dieser Gegend komme ich gelegentlich an größeren Teichen vorbei, an denen in großer Zahl Gänse gehalten werden. An anderer Stelle sind es wieder Fischteiche, nicht immer sind sie in Betrieb. In den kleinen Städtchen ist immer viel Geschäftigkeit auf der Straße, ob da nun einzelne Leute unter einem Sonnenschirm am Straßenrand ihre Ware anbieten, manchmal nur etwas Obst, oder gleich mehrere Marktstände dafür sorgen, dass der Straßenrand blockiert wird, ob jemand Kartons einsammelt und mit der gefalteten Pappe seinen Handwagen oder gleich die Ladefläche eines größeren Dreirads überlädt, ob ein Handwerker vor seiner Werkstatt sitzt und an der frischen Luft seine Schweißarbeiten durchführt oder ob direkt an der Straße improvisiert gekocht wird. Eigentlich überall treffe ich auf Menschen, die mit irgendeiner Tätigkeit beschäftigt sind.

 

Neben einer Brücke über den Seitenarm einer nahen Bucht, die sich etwa vier Kilometer weiter südlich ins Meer öffnet, liegen einige größere Fischerboote, die vermutlich erst in der nächsten Nacht wieder auslaufen werden, um ihre Netze auszulegen. Eigentlich liegen immer irgendwo Boote am Ufer, oder auch ‚im Päckchen‘ falls der Platz am Ufer nicht ausreicht, wenn ein Wasserweg irgendwie einen Zugang zum Meer hat. Die Fischerei hat hier offenbar eine große Bedeutung, und sei es auch nur für den eigenen Bedarf.

Als ich mich am Rande des Ortes Pingdong etwas umsehe, beginnt es doch noch zu regnen. Ich kann mich dort aber mitsamt dem Fahrrad unter dem Blechvordach einer momentan verschlossenen Hütte unterstellen und abwarten. Irgendwann rennt eine Ratte im Zickzack quer vor der Hütte vorbei und verschwindet schnüffelnd und suchend an einem mit einer kleinen Plane abgedeckten Haufen irgendwelcher Dinge.
Ratten – ja, natürlich muss es die hier auch geben, bei den oftmals offenen Müllsammelstellen und den selten geschlossenen Abwasserkreisläufen auf dem Land. Zumal bei der recht hohen Anzahl plattgefahrener Exemplare, die ich täglich auf der Straße sehe. Die Tiere scheinen dem Straßenverkehr nichts beizumessen und rennen anscheinend jederzeit quer darüber, allerdings hatte ich bisher außer den toten Tieren auf der Straße, keine Ratten herum rennen gesehen.

 

In Yangjiang gibt es, wie schon in anderen Großstädten, Leihfahrräder von mehreren Unternehmen, die offenbar gut nachgefragt werden. Schon früh bevor ich in die Innenstadt komme, fallen mir diese eher kleinen Räder vereinzelt auf.
Häufig haben die Leute auch gar keinen Platz, um dauerhaft ein Fahrrad bei sich unterzubringen, denn so etwas wie einen Kellerraum für jede Wohnung gibt es in einem Wohnhaus mit dutzenden Etagen einfach nicht, da ist es offenbar einfacher, bei Bedarf eines auszuleihen, wenn die Fahrräder denn quasi jederzeit und überall verfügbar sind. Auf dem großen Platz vor einer Shopping-Mall, gleich neben der Zufahrt in das dortige Parkhaus, stehen die Räder eines der im Land weit verbreiteten Verleiher gleich in großer Zahl. Überwiegend mit Elektromotor.

 

Nicht direkt im Zentrum, aber an einer der breiteren Durchgangsstraßen bekomme ich in Yangjiang ein bequemes, großes Zimmer mit Aussicht auf diese breite Straße. Es sind dort einige Händler von Motorrollern, Elektrorollern, Autowerkstätten und Händler für Werkstattbedarf und Haushaltsartikel. In dem südlich gelegenen Vorort, durch den ich in die Stadt hinein komme, befinden sich viele kleine Werkstätten an der Straße und sitzen die Leute u.a. draußen zusammen und spielen Karten.

Am nächsten Morgen wird mir das Frühstück aufs Zimmer gebracht. Beim Einchecken hatte man mir gestern gesagt, dass es Frühstück um acht Uhr geben würde, aber ich hatte dieser Information nichts Besonderes beigemessen. Um dreiviertelacht klopft es jedenfalls an der Tür, während ich mir noch die Zähne putze. Offenbar hat das Hotel eine Kooperation mit KFC, dann das Reis-Porridge mit Huhn und das geformte Spiegelei kommen in einer entsprechend bedruckten Papiertüte. Es sind 2 Portionen, da es ja ein Doppelzimmer ist, in dem ich übernachtet habe. So mache ich mir schnell Kaffee und esse in Ruhe, schreibe noch etwas, bevor ich packe und losfahre.

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Durchgangsstraße in Yangjiang

Zunächst zum Postamt, das ich gestern abend noch gesehen hatte, als ich in der nahen Shopping-Mall zum Essen gewesen bin. Ich will einige Karten wegschicken und endlich auch mal ein paar Briefmarken kaufen, was letztendlich auch gelingt. Aber es kostet wieder einmal viel Zeit. Hatten die Leute auf den Ämtern, bei denen ich bereits Karten abgegeben habe, immer schnell damit begonnen, die Karten zu stempeln, oder mir zu zeigen, wo ich denn die Karten einwerfen solle, müssen die beiden Angestellten hier im Amt erst einmal feststellen, wo denn die Karten hin sollen und ob das aufgeklebte Porto auch stimmt. Und das tun sie anhand eines handgeschriebenen Zettels, auf dem viele, viele Länderkürzel vermerkt sind. Die Karten werden gewogen und dann wird diskutiert, ob die 5 Yuan, die ich überall draufgeklebt habe, auch ausreichen. Schließlich leimt einer der beiden noch je zwei kleine, blaue Labels auf jede Karte. Vielleicht so etwas wie ‚Luftpost‘ ? Gesehen habe ich so etwas bisher jedenfalls noch nicht.

Nachdem ich auch noch Briefmarken bekommen habe (nur abgezählt und nicht zu viele, da die Marken-Ausstattung im Amt erstaunlicher Weise tatsächlich nicht besonders groß ist), mache ich mich aufs Rad und rolle erst relativ spät am Nachmittag im dichter werdenden Verkehr nordostwärts aus der Stadt heraus. Nach nur wenigen Kilometern befindet sich neben der Straße, an der sich etwas zurück gesetzt einige größere Betriebe zu befinden scheinen, auch eine richtig große Garküche, die gerade noch mit den Vorbereitungen für das mittägliche Kochen beschäftigt ist. Als ich mir die großen Feuerstellen und Töpfe genauer ansehe, wollen mich die Frauen gleich zum Essen einladen, aber mir ist das noch zu früh am Tag.

 

Für mehr als 2/3 der Strecke bis nach Enping habe ich außer der G325 keine Alternative, da aber parallel auch noch eine Autobahn bzw. ein Expressway existiert, bleibt der Verkehr ab dem Abzweig dorthin dann doch überschaubar. Zudem ist die Fahrbahndecke hier in so schlechtem Zustand, wie ich es bisher noch nirgends erlebt habe, weder auf irgendwelchen Provinzstraßen, noch auf den stark genutzten Fernverkehrsstraßen.
Auch an dieser Fernstraße finde ich Punkte, an denen ich mich kurz von der Fahrbahn zurückziehen und vorübergehend ausspannen oder einfach etwas Obst essen kann. Manchmal gibt es so etwas wie Niemandsland zwischen der Straße und dem nächsten Dorf.
An der Nebenstraße, über die ich Enping am Nachmittag erreiche sind mehrere holzverarbeitende Betriebe angesiedelt, die offenbar Furniere herstellen. Das Holz im Format großer Bögen trocknet auf Gestellen, die sich auf einer Fläche von hunderten von Quadratmetern verteilen.

Von Enping aus fahre ich dann in östlicher Richtung weiter. Taishan liegt etwa 50 km davon entfernt, aber die Landschaft wird erneut bergiger und die tatsächliche Strecke verläuft alles andere als geradlinig. Die Fernstraße G325 liegt weitab meiner Route, die dann an einigen kleineren Dörfern vorbeiführt und wegen des bergigen Geländes einige Extraschleifen beinhaltet. Am Ende werden es 67 Kilometer.
Der nur leicht bewölkte Himmel verspricht einen schönen Tag, wobei die Temperatur am Vormittag schnell auf 28° klettert. Die Luft ist zudem recht schwül.
An größeren Siedlungen entlang der Strecke sind eigentlich nur Chishui und Sanhe erwähnenswert; Orte, an denen ich jeweils auch von einer Landstraße auf eine andere wechsle, Marktflecken mit sympathischer Geschäftigkeit. In Chishui, einem Städtchen mit typischer, zweigeschossiger Archtektur, suche ich kurz nach einem Restaurant und finde nur eines am zentralen Verkehrskreisel, mache dort dann eine längere Mittagspause unter dem weit ausladenden Blechdach und esse Blattgemüse (Bai Cai) mit etwas Huhn und Reis.

Es fährt sich heute bei dem geringen Verkehr doch deutlich angenehmer, als an den letzten Tagen. Einheimische schauen mich öfter mal etwas ungläubig an und es kommt sogar vor (nicht nur heute), dass jemand im Vorbeifahren den Daumen in meine Richtung hebt. Das zeigt mir immer wieder, dass ich nicht einfach nur als Störung auf der Straße wahrgenommen werde. Anhalten tue ich bei dem warmen Wetter heute auch häufiger, als ich es an den letzten Tagen gemacht hatte, um zu trinken. Wasser ist dabei nie ein Problem.

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Parkanlage in Taishan

Am Nachmittag unternehme ich in Taishan dann noch einen Ausflug in eine größere Parkanlage am östlichen Ende der Stadt. Dort gibt es neben einem See, um den herum viele Läufer trotz der Nachmittagswärme ihre Trainingsrunden drehen, einen Höhenzug, auf dem Buddhistische Mönche in früheren Zeiten an Granitfelsen einige Inschriften hinterlassen haben.

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