Veröffentlicht in Kambodscha

Von Poi Pet nach Siem Reap

Es sind letztlich drei Etappen, in die ich mir die Strecke Poi Pet – Siem Reap einteile. Dabei ist der erste Teil bis Sisophon eine recht kurze Strecke. Frühstück ist hier mal wieder im Zimmerpreis enthalten, ich bestelle ein Omlette und bekomme einen leicht würzigen Kaffee dazu. Auf der Veranda des Ly Heng Chhay Hotels sitzt es sich im Schatten deren Überdachung auch ganz angenehm, da rund um die hölzerne Einfassung Wasser in dünnen Fäden von oben nach unten rieselt. Der in etwa 15 Metern Abstand vorbeifahrende Verkehr ist zwar nicht das, was man sich zum Frühstück wünscht, ist aber voller Abwechslung. Da sind Mopeds, Lasten-Motorräder, einachsige Zugmaschinen mit langen Hängern, Reisebusse, LKW und natürlich die breiten Stadt-SUVs, allradgetrieben, dunkel verglast, und auch einfache Pkw, die den Verkehr ausmachen, die mal vorbeischleichen, mal mit hoch drehendem Motor vorbei hetzen, und die immer wieder nervend hupen. Ein Verhalten, an das ich mich wohl in nächster Zeit gewöhnen muss. Gegen 10.00 Uhr fahre ich in Richtung Osten los.
Das kleine Postamt, das ich gestern nachmittag noch gefunden hatte ist heute leider geschlossen. Der Beamte wollte zwar dort sein, weil er etwas zu tun hätte, wie er mir gesagt hatte. Doch er ist nicht da. Also werde ich meine schon geschriebene Post erst am Montag los.

Ja, die Stadt boomt. Es wird an vielen Stellen neu gebaut. Häuser sind manchmal sehr schmal und haben hier den Baustahl für einen späteren Weiterbau nicht wie in vielen südeuropäischen Ländern aus den Wänden nach oben heraus überstehen, sondern seitlich aus den Wänden, so dass später einmal angebaut werden kann. Ein fertiges Spitzdach ist auf den zwei, manchmal drei Etagen schon drauf. Aber abseits der Hauptstraße gibt es keinen Asphalt, die nächstgelegenen Parallelstraßen sind betoniert, die meisten nur einfache unebene Piste.

Ich merke schnell, dass die (von mir oft so empfundene) Rücksichtnahme auf am Straßenrand fahrende Zweiräder in Thailand vor der Grenze hängen geblieben sein muss. Hier in Poi Pet wird man eher ignoriert und an den Rand gedrängt und später auf der Strecke achtet kaum jemand auf den schwächeren Verkehr. Will jemand von einer Zufahrt oder Einmündung her auf die Fernstraße, und es sind keine größeren Fahrzeuge in Sicht, so fährt er einfach los, das Zweirad wird dann wohl schon anhalten. Und ganz allgemein wird fleißig von der Hupe Gebrauch gemacht, um anzuzeigen, dass – hoppla – dass da jemand kommt.
Was in Thailand ein breit markierter Randstreifen an der Straße war, für Mopeds und Gespanne vorbehalten, das ist hier eine staubige, manchmal sandige Angelegenheit ohne klare Markierung. Am Randstreifen sammelt sich außerdem der Dreck der Straße, aber immerhin ist überhaupt einer vorhanden.
An einem Kreisverkehr fehlt plötzlich der Asphalt, die Staubwolke sehe ich schon von weitem. Aber es ist nur diese eine Stelle und über die nächsten Kilometer entzerrt sich der Verkehr allmählich und einige Kilometer außerhalb von Poi Pet werden Container auf einer staubigen Fläche umgeschlagen, dahinter läßt dann auch der LKW-Verkehr etwas nach.

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Ich fahre nun in östlicher Richtung und habe immer noch etwas Glück mit dem Wind, der im Moment aus hauptsächlich südlicher Richtung kommt und zumindest nicht merklich bremst. Ansonsten ist die Landschaft unspektakulär. Trockene, abgeerntete Reisflächen, oder einfach nur Brachland – flach und weit. Wie auch in Thailand stehen ab und zu Tempel bzw. Klöster mehr oder weniger nah an der Straße. Die Zufahrten dorthin führen auch hier immer durch offene Torbögen, die jedoch schlichter verziert sind, als diejenigen thailändischer Tempel.

An einem der dekorierten Torbögen halte ich an, will ein Foto machen. Sofort kommen Kinder von dem Gelände dahinter herbei gelaufen, machen Faxen und wollen ebenfalls fotografiert werden. „Hello!“, „Helloo!“, wird schrill gerufen.
In Thailand waren die Leute total zurückhaltend, Kinder waren tagsüber bis zum späten Nachmittag in der Schule und haben höchstens mal neugierig gegrüßt. Manchmal haben sie über meine Erscheinung gelacht, aber waren nie aufdringlich.
Hier schreien sie mir weit über die Straße ein „Hello!“ hinterher oder entgegen.
Auf dem Gelände eines anderen ‚Wat‘, wo ich mir die vielen dort stehenden Tierfiguren ansehen will, kommt sofort ein Junge angelaufen und beginnt zu betteln. Ich verstehe ihn zwar nicht, aber er vermittelt mir zumindest diesen Eindruck. Mädchen sind zurückhaltender als Jungs und grüßen freundlich.

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Am frühen Nachmittag will ich etwas essen, doch so einfach wie in Thailand ist es hier gar nicht, denn die Auswahl an ambulanten Garküchen oder gar Restaurants ist nicht sehr groß. In dem Dorf Tuek Thla, erst wenige Kilometer vor Sisophon, halte ich dann auch spontan an dem Verkaufsstand einer Frau an, wo ich einige geschlossene Kochtöpfe aufgereiht nebeneinander stehen sehe. Sie hat dort verschiedene Fleischgerichte mit unterschiedlichem Gemüse in mehr oder weniger undurchsichtigen Soßen drin, sowie gegarten Fisch mit Ingwer, Möhren und Kürbis.
Davon esse ich dann, zusammen mit einem Teller klebrigem Reis, und abgesehen von den vielen Gräten des Fischs ist das auch gar nicht mal schlecht.

Kurz vor Sisophon befinden sich als einzige Abwechslung in der Landschaft einige kleinere Erhebungen aus größeren Felsen. Aus größerer Entfernung sieht es wie ein Höhenzug aus, aber es sind einzelne, isolierte Hügel. An einem davon befindet sich ein größeres Kloster und einige hundert Meter weiter befindet sich eine Militärbasis.
In der Stadt gibt es dann mehrere Hotels und wenigstens ein Gästehaus, etwas abseits der Hauptstraße, in dem ich auch ein preiswertes Zimmer finde.
An das Spiel mit den verschiedenen Währungen in Kambodscha muss ich mich noch gewöhnen, obwohl ich in Poi Pet noch gar kein Geld gewechselt hatte, da ich genügend US-Dollar als Reserve für einige Tage eh dabei habe. Aber einige tausend Kambodschanische Riel hatte ich beim Kauf der Briefmarken und Postkarten schon ‚ertauscht‘ und damit nun drei Währungen zu überblicken. Denn Baht werden hier in dieser Region auch akzeptiert.

25.000 Riel will die Vermieterin für das Zimmer ohne Klimaanlage haben, was etwa 5,40 Euro entspricht. Sie nimmt aber auch Thailändische Baht, oder natürlich US-Dollar, was die hauptsächlich hier im Land genutzte Währung ist. Da ich noch genügend Baht habe, gebe ich der Frau einen Tausend-Baht-Schein und bekomme nach Abzug des Zimmerpreises 95.000 KHR Wechselgeld zurück. Damit spare ich mir vorläufig auch die Suche nach einem Geldwechsler. Allerdings ‚rinnen‘ mir die Tausender später auch schnell wieder durch die Finger.

Die Stadt Sisophon ist auch ein Knotenpunkt der Nationalstraße 6 in Richtung Osten, nach Siem Reap und weiter nach Phnom Phen, und der Straße 5 in Richtung Süden, nach Battambang, einer größeren Stadt, die von vielen Touristen gerne wegen ihrer Kolonialarchitektur besucht wird, sowie nach Norden, wo sich in der Region Banteay ein Landschaftsschutzgebiet befindet. So treffe ich am Abend in einem größeren einheimischen Restaurant am Rand der Stadt, das mir eine Französin empfohlen hatte, einige Franzosen und am Morgen, in einem anderen Restaurant gleich neben den beiden Hotels, das am Abend leider geschlossen hatte, einige Leute aus Deutschland, die hier wohl auch übernachtet hatten.
Irgendwo in der Stadt hatte am Abend eine Party stattgefunden. Die Musik war bereits den ganzen Nachmittag über aus nicht näher bestimmbarer Richtung zu hören. Auch als ich noch kurz vor Sonnenuntergang das Kloster / den Tempel an dem Felsenhügel etwa 2 Kilometer vor der Stadt besucht hatte, war von irgendwoher Musik zu hören. Kambodschanische Schlager, schnulzige Musik, die irgendwie spährisch klingt. Auch in anderen Orten lag manchmal Musik in der Luft. In Poi Pet hatte ein Werkstattbetreiber schräg gegenüber meines dortigen Hotels die Straße mit Musik aus seinem Verstärker beschallt.

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Aus Sisophon fahre ich am nächsten Tag erst relativ spät weiter ostwärts. Der Wind hilft mir immer noch, so dass ich mir um die Zeit, die ich für die rund 54 Kilometer brauche, keine Gedanken machen muss. Trotzdem strengt mich das Fahren auf dem inzwischen schlechter werdenden Asphalt mehr und mehr an. Nach nicht ganz 30 Kilometern treffe ich einen Schweizer, etwas älter als ich und mit seinem Rad in westlicher Richtung unterwegs. Er ist seit einigen Wochen in Vietnam und Laos unterwegs und will noch Freunde in Thailand treffen, bevor er nach hause zurück fliegt. Die Begegnungen sind seit Bangkok nun etwas rarer geworden.

Kurz darauf mache ich am Rand von Rohal am Imbiss einer jungen Familie eine kurze Pause und trinke eine kühle Cola. Essen tue ich erst später in Kralanh, nachdem ich dort ein Zimmer in einem weiteren, ziemlich einfachen Gästehaus gefunden habe. Dort gibt es immerhin eine Klimaanlage und schon kostet es 12 US$ für die Nacht.
Kralanh ist irgendwie das typische Straßendorf. Abgesehen von Schule und Bezirksverwaltung, zwei Gästehäusern (wovon eines geschlossen zu sein scheint) und zwei Banken gibt es kaum größere Gebäude. Aber Werkstätten, Minigeschäfte und fliegende Händler reihen sich entlang der Straße aneinander, im Bereich einer zentralen Straßenkreuzung auch die üblichen, schlichten Restaurants, wo jeweils ein paar Tische mit Stühlen unter einem Blechvordach stehen, die aber allesamt am frühen Nachmittag, und einige selbst am Abend, keinen Betrieb machen.

Die jungen Frauen, bei denen ich mir aus zwei Fleischtöpfen das Gemüse heraussammeln lasse und dann mit Reis esse, versuchen außerdem ihre gekühlten Getränke und abgepackten Kekse, Reiswaffeln und anderen Knabberkram an haltende Autofahrer zu verkaufen. Dieses Geschäft läuft überraschend gut. Manchmal nimmt auch jemand eine Portion der Gerichte aus den Töpfen mit, abgefüllt in Klarsichttüten, der üblichen Transportweise der ‚Take away‘-Gastronomie auch in Thailand und Malaysia.

In dem Da Gamnan Guesthouse herrscht in der Nacht reger Betrieb, Leute ziehen von Zimmer zu Zimmer, es wird ständig laut geredet oder gelacht. Immer wieder wache ich von dem Lärm auf.
Am nächsten Morgen mache ich mich zuerst auf die Suche nach Frühstück und siehe da, in den vielen kleinen am Tag vorher geschlossenen Restaurants sind die Tische jetzt zum großen Teil besetzt und die Miniküchen in Betrieb.
Reis will ich jetzt am Morgen nicht essen, frage deshalb nach Nudeln und hätte gerne gebratenes Ei dazu (fried egg) und bekomme zu einem Glas leckeren Kaffees eine Schale Nudelsuppe nur aus Reisnudeln und Gemüse, sowie ein Spiegelei – na klappt doch.

Als ich dann auf die letzten etwa 50 Kilometer in Richtung Siem Reap starte, merke ich schnell, dass der Wind wieder etwas gedreht hat. Der kommt jetzt aus südöstlicher Richtung und mir damit wieder fast frontal entgegen.
Ein junges Paar Radreisende aus Tschechien treffe ich kurz nach dem Frühstück. Zum ersten Mal junge Radler, die mit reinrassigen Mountainbikes und extra breiten Reifen auf Asientour sind. Ihr Ausgangspunkt ist Neuseeland und sie wollen in den nächsten neun Monaten direkt bis nach hause fahren. Das ist dann einmal die umgekehrte Variante, fahren doch viele Europäer von zuhause aus eher in Richtung Südostasien.
Wir unterhalten uns nur kurz, ich will sie nicht aufhalten, und wünschen uns gegenseitig viel Glück.

Bis Siem Reap verändert sich die Landschaft dann doch noch ein wenig. Zwar wird weiterhin großflächig Reis angebaut, aber es wird insgesamt grüner. Immer häufiger sind Ackewege abseits der Straße mit Baumreihen gesäumt, Eukalyptus, Teak und andere Hölzer werden von Kokos- und andere Palmenarten aufgelockert. Manchmal stehen die Palmen auch lose dazwischen. Auch private Wohngrundstücke abseits der Straße sind häufiger eng bepflanzt.
In einem der Dörfer, durch die ich komme, befinden sich eine ganze Reihe von Skulpturen-Werkstätten nebeneinander. Vermutlich gibt es irgendwo in der Nähe eine Tongrube oder sonstige Quelle für das Ausgangsmaterial. Die verschiedenen Buddha-Varianten und Tierfiguren im Maßstab 1:1 kann man direkt beim Hersteller kaufen.

Da ich letztlich die Zeit habe, sehe mir ein Kloster etwa 1 km abseits der Straße näher an. Die Zufahrt dorthin ist eng mit Bäumen bepflanzt und schattig, doch die vermeintlich geschotterte Piste entpuppt sich als brüchige, verfallene Betonstraße, deren grobe Reste ungefähr genauso schlecht zu befahren sind, wie Kopfsteinpflaster in Brandenburg. So brauche ich viel länger dorthin als erwartet.
Wann aber sehe ich sonst schon ein solches Ensemble aus Türmchen, Schreinen und Grabstelen – jedes Kloster ist letztlich ein Unikat und wenn ich mich dafür ernsthaft interessieren würde, dann müsste ich viel öfter halten. So mache ich nur ein paar Fotos und arbeite mich über die schlechte Piste zurück zur Straße.

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Ak Yum – Tempelruine bei Siem Reap

Einige Kilometer vor Siem Reap nimmt dann schon die Bebauung entlang der Straße deutlich zu und an einem großen Stausee nördlich der Straße biege auf eine Piste ab, die etwa drei bis vier Kilometer entlang des Stausees durch Wald führt, um eine erste Tempelruine (Ak Yum) aus der Khmer-Zeit zu bestaunen, sozusagen als Vorgeschmack auf die nächsten Tage in den Ruinen von Angkor.

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