Veröffentlicht in China

Romantische Küste und einsame Landstriche

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Offene Müllbeseitigung in der Nähe von Xige

Wirklich einsame Landstriche sind in diesem bevölkerungsreichen Land natürlich Mangelware, besonders wo selbst die kleineren Städte permanent wachsen. Von der Ein-Kind-Politik hat China sich ja schon länger wieder verabschiedet, die jungen Familien brauchen Wohnraum und selbst auf dem Land und in den Dörfern wird neu gebaut, wenn auch in kleinerem Maßstab.

Nachdem ich Wuchuan verlasse, bleibe ich für die nächsten Tage weiter in der Nähe der Küste, habe zweimal ein Quartier direkt am Meer, an teilweise recht abgelegenen Orten, in Yangxi allerdings wieder mitten in der Stadt. Die Länge der Tagesstrecken schwankt dabei zwischen 45 und knapp 70 Kilometern. Wegen meiner um einen Tag verspäteten Anreise nach Hainan verzichte ich auf den in Shapa Bay geplanten Pausentag und komme damit nach den inzwischen rund zwei Wochen, die ich nun unterwegs bin, endlich wieder in meinen ursprünglichen Zeitplan.

Auch während der Nacht in Wuchuan ist ab und zu Feuerwerk zu hören. Nicht direkt in der Nähe des Hotels, aber doch recht deutlich und es scheint üblich zu sein, damit immer erst spät in der Nacht zu beginnen, wenn müde Radreisende schlafen wollen. Es ist hier aber längst nicht so ausdauernd wie die Nacht zuvor in Xiashan.
Die Stadt verlasse ich zunächst in nordöstlicher Richtung, will die G228 als ausgebaute Fernverbindung vermeiden und fahre einen weiten Bogen durch die östlich von Wuchuan liegende, wieder etwas ländlichere Region.

 

In einem der kleineren Städtchen, fahre ich direkt am offenen Markt vorbei, den Suppentöpfen wird dort über der Gasflamme schon ordentlich eingeheizt, doch eine längere Pause für eine Nudelsuppe mache ich erst später in der größeren Stadt Dianbai. Der Tag ist sonnig und warm, schnell klettert das Thermometer in Richtung 26°C, später am Nachmittag auf knapp unter 30°C im Schatten; Werte die ich zuletzt im Süden Hainans hatte.
Dianbai liegt an einer großen Bucht, fast ein Binnensee, der nur einen verhältnismäßig schmalen Zugang zum Meer hat. Die chinesische Marine betreibt hier unter anderem einen großen Werftstandort und auf den Straßen sind in der Mittagszeit auch ab und zu Angehörige des Militärs in ihren grau-blau-weißen Tarn- bzw. Alltagsuniformen zu sehen. Aber um die Mittagszeit sind immer viele Menschen auf den Straßen unterwegs, erledigen Besorgungen oder gehen essen. Auf einer Promenade am Ufer eines kleinen Süßwassersees sitzen hier im Schatten hoher Bäume jetzt auch einige Leute und unterhalten sich entspannt, oder spielen Karten, was offenbar sehr beliebt ist und mir auch später an anderen Orten immer wieder auffällt.

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Diskussion unter Bäumen

Die Bucht von Dianbai muss ich vollständig umfahren, um mein im Südosten davon gelegenes Tagesziel zu erreichen. Leider gibt es aber in östlicher Richtung aus der Stadt heraus nur die Schnellstraße, der ich nun doch für einige Kilometer mit ihrem unangenehmen Verkehr folgen muss, bevor ich am Rande von Danchang im 90°-Winkel nach Süden und erneut auf eine unbedeutendere Nebenroute abbiege. Beim Dorf Xige habe ich dann beinahe die östliche Seite der schmalen Öffnung der Bucht erreicht. Die Straße verläuft hier auf einem Damm, der das Seewasser von den auch in dieser Gegend reichlich vorhandenen Fischteichen zurückhält.
Auf der Seite in Richtung Meer liegen einige Fischerboote im Wasser, in einer improvisierten Werkstatt sind zwei Männer damit beschäftigt, einen Bootsmotor zu warten oder zu reparieren. Viele Getriebeteile liegen auf dem Boden verteilt aber die stammen eher von früheren Reparaturen. In der Nähe schwelt eine Müllhalde vor sich hin, der Rauch folgt dem Wind in Richtung Westen. So vorbildlich beinahe überall im öffentlichen Raum Menschen damit beschäftigt sind, herumliegenden Straßenmüll aufzusammeln, oder Laub zusammenzufegen, so häufig wird der zusammengekehrte Müll auch einfach im Straßengraben angezündet.

 

Von dem etwas größeren Flecken Hengshan ausgehend führt dann eine Stichstraße bis direkt ans Meer heran und das Hotel, in dem ich vorab ein Zimmer reserviert hatte, liegt gut geschützt direkt am Meer. Es ist nach dem Hai Bin Resort in Xiashan bereits das zweite Mal, dass ich in einer eingezäunten und gesicherten Hotelanlage übernachte. Es mag daran liegen, dass man hier gemeinsam mit einem Wyndham Luxus-Resort kooperiert, an dem ich auf der Zufahrt durch das großzügige Gelände auch vorbeikomme.
In dem Haus, das vielleicht einmal als Feriendomizil verdienter Parteigenossen vor schon Jahrzehnten entstanden sein mag, bekomme ich jedenfalls ein mit bequemen Sitz- und ansonsten schon etwas abgewohnten Möbeln eingerichtetes, großes Zimmer, in dem auch mehr als nur ein Fahrrad Platz finden würde.

 

Am nächsten Tag muss ich die etwa 2 Kilometer lange Stichstraße bis zum nächsten Dorf wieder zurückfahren, um meinen Weg in östlicher Richtung fortzusetzen.
Das Hotel bietet nichts an, deshalb mache ich mir nur einen Kaffee und esse zwei Bananen als Frühstück; fahre dann auch bald los. Kurz bevor ich nach etwa 12 Kilometern in Mangang auf die G325 komme, will ich dann nach einem Restaurant schauen. Dort sollte es kein Problem sein, etwas Essbares zu finden.
Erstaunlicher Weise hat das kleine Nest Hengshan an der ersten Straßenkreuzung nicht nur ein eigenes kleines Postamt, dieses Postamt hat sogar am Sonntag geöffnet. Zumindest nimmt der Beamte, der mir am Tag zuvor noch einige Briefmarken verkauft hatte, die geschriebenen Karten dort an seinem Schalter ab.

Wieder einmal ist es am Vormittag bewölkt und es bleibt den Tag über eher trübe, auch wenn am frühen Nachmittag ab und zu die Sonne mal durch die Wolken kommt. Richtig auflockern tut die Bewölkung erst am späten Nachmittag. So warm wie am Tag zuvor wird es aber nicht, durch den ständigen Wind ist es zeitweise eher unangenehm kühl.
Irgendwo verbrennt jemand Erntereste auf einem Feld, vielleicht ist auch Müll dabei, und der Rauch verteilt sich über Kilometer in der Landschaft, sorgt für eine leicht diesige Sicht.

 

Zwischen einzelnen Dörfern stehen manchmal größere Kiefernbestände, ohne dass man von Wald sprechen könnte. Größeren zusammenhängenden Wald sehe ich immer nur in der Ferne an Berghängen, ansonsten Felder mit Mais, Gemüse auf kleineren Parzellen, außerhalb der Dörfer betreiben die Leute hier auch Entenzucht. Irgendwo müssen ja auch die an manchen Straßenküchen in Vitrinen von Fett goldig glänzenden, bereits fertig gegrillten Enten herkommen. Offenbar werden sie an größeren Teichen zu Hunderten gemeinsam in einer Altersstufe gehalten. Mal sind die Enten jung, mit hellem Gefieder, vermutlich wenige Wochen alt, mal sind sie bereits ausgewachsen, vergnügen sich auf dem Wasser oder ruhen faul auf dem Trockenen. Diese ‚Entenfarmen‘, oft großzügige Flächen mit einem riesigen Teich, liegen häufig direkt am Weg, die Tiere lassen sich von vorbei fahrenden Fahrzeugen nicht stören. Halte ich aber mit dem Fahrrad an dem oft nur niedrigen Zaun an, der die flugfaulen (oder flugunfähigen, weil sie es nie gelernt haben) Tiere am Verschwinden hindert, dann fühlen sie sich offenbar bedroht und strömen in großer Zahl in einen anderen Winkel des Geländes.

 

Auf dem Markt in der Stadt sieht man die Tiere dann manchmal in mobilen Gehegen als lebende Ware, die genauso wenig weiß was sie erwartet, wie die Hühner, die oft zwischen Straße und Grundstücken auf Futtersuche herumpicken. Wohl genährt, fast schon zu fett führen sie offenbar ein gutes Leben, bevor sie in den Topf kommen. Hühnerfarmen sind mir hier in Guangdong bisher nicht aufgefallen, in Hainan hatte ich dagegen einige gesehen. Immer unter dicht stehenden, schattigen Bäumen, ein niedriges Holzhaus für die Gelege und viel Freifläche drum herum für hunderte von glücklichen Hühnern, die auf dieser jeweils verhältnismäßig großen Fläche herumlaufen konnten wie sie wollten. Ein einziges Mal ertönte an solch einer Hühnerfarm sanfte Musik aus einem Lautsprecher, zarter Gesang zu einer beruhigenden Musik, die aber vermutlich auch nicht zu größeren Eiern geführt hat. Vielleicht war es auch einfach nur ein Versuch eines Hühnerzüchters.

Shapa Bay ist ebenfalls ein eher verträumtes Nest mit kleineren Hotels direkt an einer Strandpromenade, einem kleinen Vergnügungspark und einigen Restaurants, die bei ihrer Größe offenbar ganze Busladungen an Gästen erwarten. Jedes präsentiert sein Angebot an Krustentieren und frischen Seefischen in großen Aquarien direkt neben dem Eingang, so wie bei Fischrestaurants im Süden Chinas offenbar üblich. Das kann man auch in größeren Städten manchmal sehen. Nur die Nachfrage ist offenbar im Moment gering. Es sitzen am Abend wenige Gäste an den Tischen, einige der Restaurants sind nicht einmal geöffnet.

 

Aber mit dem Einsetzen der Dämmerung treffen sich einige Einheimische zum gemeinsamen Tanzen auf einem kleinen Platz an der Strandpromenade, die Musik dazu kommt aus einem etwas gequält klingenden Lautsprecher und gibt dem fröhlichen Miteinander eine nette Note von Improvisation.

Bisher hatte ich mit dem Wetter richtig Glück. Sonnig war es zwar nicht immer, aber richtigen Regen hatte ich bisher noch nicht. Heute morgen prasselt es jedoch so richtig auf den Balkon, als ich wach werde. Wie lange es in der Nacht schon geregnet hat, weiß ich nicht, als ich bei dann nur noch leichtem Regen am Vormittag in die nächste Etappe in Richtung Yangxi starte, sind die Straßen jedenfalls patschnass und es stehen Pfützen auf dem manchmal nicht sehr ebenen Beton, denen ich nicht ansehe, wie tief sie tatsächlich sind. In Laifuyuan, einem etwa 5 Kilometer entfernt gelegenen Nachbarort von Shapa Bay, suche ich mir zunächst etwas fürs Frühstück, da Shapa Bay selbst an dem Morgen wie ausgestorben ist. Selbst die Backstube, in der ich gestern am Nachmittag noch Kuchen bekommen hatte, ist geschlossen.

Auch wenn die Nebenstrecke bis zunächst Shangyang nicht allzu weit von der Küste entfernt verläuft, wird die Landschaft doch allmählich bergiger und bewaldeter, und die Wolken hängen noch lange nach dem Regen tief an den Hängen. Offenbar wird hier neben der Land- auch Forstwirtschaft betrieben und der Baumbestand ist ziemlich jung, hauptsächlich Eukalyptus, vereinzelt stehen aber auch hier junge Kiefern dazwischen.

In den weiten Tälern bleibt aber der Reisanbau bzw. was davon nach der letzten Ernte zur Zeit noch übrig ist, dominierend.

Da ich bis nach Yangxi mit knapp unter 50 Kilometern keine richtig lange Strecke habe, lasse ich mir mit einer längeren Pause etwas Zeit, rolle am Mittag durch das kleine, aber um diese Zeit auch hektische Shangyang langsam hindurch. Die Leute kommen von ihrer Arbeit aus den umliegenden Betrieben oder von den Feldern mit ihren Mofas zum Essen in die Stadt gefahren, wie in anderen Städten auch, die kleinen Restaurants haben jetzt Hochbetrieb und auch viele Schüler haben jetzt eine längere Pause und belagern Tea-Shops oder kleine Fastfood-Restaurants.

In dem Dorf Shidingxin, etwa eine halbe Stunde später, sehe ich neben einer kleinen Zweiradwerkstatt eine kleine Garküche, bei der ein leckerer Duft von etwas aufsteigt, das zunächst im Dunkel der Überdachung verborgen bleibt. Ein Tisch unter dem Vordach ist frei, Hunger habe ich inzwischen auch und die hier in einer großen gußeisernen Pfanne entstehenden, fett gebackenen und gefüllten Teigfladen sind jetzt genau das Richtige. Inzwischen kommt sogar die Sonne durch die Wolken und Heizt die Luft auch schnell wieder auf.

Bis nach Yangxi hinein ist es dann auch nicht mehr sehr weit. Ich komme aus südlicher Richtung in die Stad hinein gefahren, passiere zunächst einen der älteren Außenbezirke, mit engeren Straßen und älterem Häuserbestand, bevor ich das Zentrum erreiche, in dem die Straßen wie üblich breit und voll sind und ich den universell genutzten Nebenstreifen benutzen muss.

An einer Fußgängerampel, an der ich warten muss, hängt sich ein junger Mann mit seinem Rennrad hinter mich. Ein Student, wie er mir langsam in etwas schwerem Englisch erklärt, der hier in der Stadt lebt. Er ist an meinem Fahrrad interessiert und macht ein Foto mit seinem Smartphone. Begleiten kann er mich nicht allzu lange, nach wenigen Straßenkreuzungen biegt er in seine Richtung ab und ich verfolge meine Richtung auch weiter.

Hier in Yangxi finde ich ein ruhig gelegenes Zimmer in einem kleinen Hotel mitten in einem Wohnviertel, bei dessen kleinen Restaurants im Umkreis ich später die Qual der Wahl habe.

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Von der Südspitze Guangdongs bis nach Wuchuan

Von Florence verabschiede ich mich am 12.02. in Xuwen, nachdem wir die etwa 13 km vom Fährhafen in Hai’an aus bis nach Xuwen geradelt sind – viel später am Abend als gedacht, aber der Andrang zu den Fähren war enorm und der Kauf eines Tickets kompliziert, zumindest für mich als Ausländer. Eineinhalb Stunden dauerte die ruhige Überfahrt, aber für den frühen Nachmittag war kein Schiff mehr verfügbar und selbst die 17:00 Uhr-Fähre verließ den Hafen erst mit mehr als einstündiger Verspätung. Die in den Autos auf dem riesigen Hafengelände wartenden Leute, die eigentlich ihr jeweiliges Ticket mit bestätigtem Termin hatten, warteten teilweise schon den halben Tag, wie Florence bei einer Familie erfragt hatte. Insofern hatten wir Glück, dass wir mit den Rädern an allen Warteschlangen vorbei fahren konnten. Wir mussten dennoch direkt am Schiff etwas warten, bis man uns mit den Rädern an Deck ließ und wir zwischen zwei LKWs parken durften.

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In den Außenbezirken von Leizhou

Xuwen verlasse ich am nächsten Morgen bei bewölktem Himmel und milden 23°C bei außerdem leichtem Nordostwind. Es ist fast schon zu kühl nach den deutlich höheren Temperaturen der letzten Tage. Die stark befahrende Durchgangsstraße in Richtung Norden verlasse ich aber schon an der nächsten Hauptkreuzung, nehme zunächst in östlicher Richtung einen Umweg entlang des hohen Damms eines Wasserstaubeckens in Kauf, um auf einer Nebenstrecke aus der Stadt heraus zu kommen. Viele verschiedene Fernbusrouten nehmen in Xuwen ihren Ausgangspunkt zu verschiedenen Städten in Guangdong wie auch den Nachbarprovinzen und jetzt am frühen Vormittag scheinen viele davon zu starten. Ich muss zumindest mehrmals bei einem solchen Bus am Straßenrand im Vorbeifahren auf die etwas orientierungslos drum herum wuselnden Personen aufpassen, die gerade dabei sind, Koffer einzuladen.
Genauso wenig wie z.B. ein auf der Straße wendender Bus nicht auf den fließenden Verkehr achtet, machen es die Fahrgäste noch weniger.

Nach wenigen Kilometern biege ich dann in eine Nebenstrecke ein, die nur noch von wenigen Autos und Kleinlastern benutzt wird. Ich tauche damit auch gleich in das ländliche Guangdong ein, das zumindest hier an dessen Südzipfel sehr von Landwirtschaft geprägt ist. Keine großen Flächen in Monokultur, sondern sich abwechselnde Pflanzungen von z.B. Bananen, Zuckerrohr, Ananas, Salatpflanzen, manchmal auch Kürbis. Dazwischen liegen kleinere und größere Dörfer, in denen zur Zeit das Zuckerrohr zentral gesammelt wird. Auf den Feldern von Hand geerntet, schaffen Mini-LKWs den Transport zu diesen Sammelplätzen, von denen es dann mit großen Lastern zur nächsten Zuckermühle transportiert wird. Zwei davon sehe ich heute im Laufe des Tages.

 

Die erste am Rand von Tiaofeng, in dessen Zentrum ich auch noch relativ spät am Mittag bei einem freundlichen Koch eine schöne Portion Mangold sehr ähnlichem Gemüse mit Tofu und Reis bekomme.
Manchmal kann es so einfach sein. Je schlichter und offener die Küche, desto einfacher kann ich auf das zeigen, was ich gerne essen würde, denn ohne die Hilfe von Florence habe ich nun deutlich mehr Probleme, mich zu artikulieren. 60 km bin ich bis dort etwa gefahren, 35 km kommen später noch hinzu, bei inzwischen immer weniger bewölktem Himmel und vielleicht 26°, die sich später auch noch etwas steigern, nachdem die Sonne endgültig durch die Wolken kommt.

Nachdem ich von dem Städtchen vielleicht 3 – 4 km entfernt bin, hupt hinter mir ein Fahrzeug – was ja nicht ungewöhnlich ist – überholt aber nicht, sondern fährt links neben mir gleichauf, das Seitenfenster geöffnet. Als ich mich zur Seite drehe, um zu sehen, warum das dunkle Auto nicht vorbei fährt, hält mir eine junge Frau unvermittelt eine Halbliterflasche Wasser entgegen. Ich schaue kurz verblüfft, greife aber zu und nehme mir die angebotene Flasche, obgleich meine eigenen Flaschen noch ganz gut gefüllt sind, rufe etwas wie ‚谢谢‘ während das Auto schneller wird und gleich nach der nächsten Kurve aus der Sicht verschwindet.
Ich halte an und verstaue die Flasche, muss innerlich grinsen. Zuletzt hatte ich soetwas vor rund einem Jahr, als ich in Malaysia mit dem Fahrrad unterwegs war, und damals war es ein isotonisches Getränk, nicht nur schlichtes Wasser, aber so kleinlich will ich mal nicht sein.

Die Landschaft wird etwas welliger und bietet verschiedene Grünschattierungen durch die unterschiedliche und sich immer wieder abwechselnde Art der Vegetation, oft grenzt ein schmaler Streifen aus jungen Eukalyptusbäumen eine landwirtschaftlich genutzte Fläche ab, irgendwann ist das Zuckerrohr aber dominierend. Für die manchmal in Terrassen angelegten Salat- und Gemüseflächen am Rand kleiner Dörfer gibt es ein verzweigtes System aus schmalen, betonierten Bewässerungskanälen. Auch hier wird offenbar die nötige Feldarbeit von Hand erledigt.

 

Die Gegend wird weiter nördlich immer flacher, ich komme der Küste wieder näher und dem dorthin mäandernden Nandu River und wenige Kilometer vor dem Städtchen Leigao ist in der Ferne auf einer einsamen Erhebung ein riesiges Radom zu sehen, das sich dunkelgrün kaum von der Umgebung abhebt. Der nächste größere Militärhafen ist auch nicht sehr weit entfernt, aber dort komme ich erst am nächsten Tag hin. Im Bereich des Nandu River verläuft die Straße über vielleicht drei Kilometer auf einem Damm, obwohl die Küste noch mehr als zwei Kilometer entfernt ist. Wie schon in Hainan sind hier viele Wasserbecken zur Fischzucht angelegt, allerdings offenbar zur Zeit nicht alle genutzt, denn vielfach ist die Belüftung nicht in Betrieb.

Auf einer größeren Fläche zwischen dem Fluss und den Ausläufern der Stadt Leizhou befinden sich zwischen einigen Dörfern Reisfelder, die jetzt abgeerntet sind und auf denen Wasserbüffeln ähnliche Rinder grasen, die offenbar auch die Wärme der Nachmittagssonne genießen.
Nach Leizhou hinein komme ich auf einem Wirtschaftsweg, der in ein Stadtviertel mit schmalen Straßen, viel alter Bausubstanz und vielen kleinen Geschäften und Straßenhändlern mündet. Urplötzlich befinde ich mich dann aber in der Hektik einer weiteren Großstadt, ordne mich an der ersten Ampel in die Menge der wartenden Zweiräder und versuche, das von mir bereits vorreservierte Hotel nicht zu übersehen.

 

Das City Comfort Inn bietet am Morgen ein Frühstücksbüffet in seinem kleinen Restaurant an, so muss ich nicht auf die Suche gehen. Reis-Porridge, gegarte Tomaten mit etwas Rührei, Süßkartoffel, Brokkoli und süßes Gebäck; leider gibt es keinen Kaffee.
Mit der Weiterfahrt lasse ich mir etwas mehr Zeit, da ich heute nicht viel mehr als 60 km auf dem Plan habe. Anstrengend wird der Tag dennoch, da ich nun hauptsächlich in nordöstlicher Richtung und meist gegen den Wind fahre.
Der Verkehr ist ähnlich hektisch wie gestern am späten Nachmittag. Um aus Leizhou heraus zu kommen, muss ich erstmal in das Zentrum zurück, immer schön in der breiten Nebenfahrbahn, in die auch die lokalen Busse zum Halt einfahren und wo die Leute mit ihren E-Mofas in eigentlich alle Richtungen fahren, nicht einfach nur geradeaus in der vorgesehenen Fahrtrichtung. So muss ich ständig aufpassen. Am Postamt an der Hauptkreuzung werfe ich einige Postkarten ab und nehme dann die Hauptstraße in östlicher Richtung, vorbei an einem mitten in der Stadt gelegenen See, auf dessen Vorplatz erstaunlich viele Menschen flanieren und Kinder spielen. Nach etwa 4 km biege ich in eine schmale Seitenstraße ab und rolle durch die hinter der Hauptstraße liegende Bebauung.

 

Haus neben Haus, schlichter Beton meist, manchmal auch noch aus Ziegeln errichtet und in den unterschiedlichsten Größen. Nach etwa 500m befinden sich auf einmal Marktstände rechts und links der Straße. Sehr klein, das Obst oder Gemüse oft am Boden auf einer kleinen Plane liegend. Fleisch liegt ungekühlt auf stabilen Holztischen, die auch gleichzeitig als Hauunterlage bzw. als Arbeitsfläche dienen.
Als ich kurz anhalte werde ich ungläubig angeschaut. Kurz darauf bin ich auch schon aus der Stadt hinaus und rolle wie gestern nachmittag entlang von Reisfeldern. Irgendwo ist ein Bauer mit seinem kleinen Schlammtraktor dabei, die Reste nach der Ernte unterzupflügen, sofern man bei dem schlammigen Grund davon sprechen kann.

 

Die ruhige Nebenstraße mündet bald auf eine besser ausgebaute Fernstraße und diese verläuft nach kurzer Zeit parallel zur stark genutzten S373, quert sie auch zweimal bis sie direkt an einer Brücke über einen schmalen Fluss abrupt endet. Als die S373 gebaut wurde, hat man genau an dieser Stelle wohl die alte Trasse genutzt, bis dahin aber parallel neu gebaut. Dieses Detail war auf der Karte nicht zu sehen und die parallele Führung geht auch einige hundert Meter danach weiter. Ich muss aber an dieser Stelle erst einmal zurück, dann auf die Schnellstraße wechseln, bei nächster Gelegenheit auf die andere Straße zurück wechseln, deren Belag jetzt aber massiv schlechter ist, und dieses Spiel später noch einmal wiederholen.
An der nächsten Flussüberquerung, etwa 12 Kilometer weiter, führt die S373 dann in Richtung Osten und ich folge dieser Straße weiter. Bald zeigt sich die Nähe zum Überseehafen von Yanjiang in Form von Industrieanlagen unweit der Straße. Eine gewaltige Chemieanlage wirkt bedrohlich und verströmt unangenehme Gerüche und auch Geräusche, bei denen ich nicht lange verweilen will.

Nachdem ich die Zufahrt zum hiesigen Überseehafen passiert habe, sind auch kaum noch LKW mit Containern auf der Straße, trotzdem wird der Verkehr dichter und staut sich vor der nächsten Ampelkreuzung. Bahngleise verlaufen quer zur Straße die an dieser Stelle einen Umweg machen muss, da die direkt hinüber führende Brücke nur für Zweiräder zugelassen ist. Kurz dahinter komme ich an eine kleine Parkanlage direkt an der See und bis zu meinem Quartier ist es auch nicht mehr weit. Das liegt auweit von einem zentralen Verkehrsknoten in einer eigenen Parkanlage auf einem kleinen Hügel, quasi im Grünen mitten in der Stadt.

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In der Nacht ist leider an Schlaf nicht zu denken, da ab etwa 22 Uhr bis in die frühen Morgenstunden permanent Feuerwerk im näheren Umfeld des Hotels abgebrannt wird.

Da ich gestern abend in einem Supermarkt doch noch löslichen Kaffee gefunden habe, kann ich mir heute früh Kaffee kochen – und esse zunächst nur eine Banane, schreibe einen Blog-Artikel fertig und packe dann meine Sachen. Beim McDonalds um die Ecke frühstücke ich dann etwas mehr. Dann mache ich mich in nördlicher Richtung auf den Weg, sehe ein Postamt und werfe dort meine gestern noch geschriebenen Karten ein. Am Abend hatte ich noch vergeblich versucht, bei einem Geldautomaten Geld zu ziehen, hier gleich neben der Post sehe ich am Straßenrand eine weitere Filiale der China Construction Bank und habe diesmal Erfolg. Weitere 2000 Yuan sollten für die nächste Woche auf jeden Fall reichen.


Dann biege ich nach etwa 3 km Strecke zu einem Fähranleger ab, den breiten Fluss will ich mit der Fähre überqueren, das Ticket kostet 2,4 Yuan für mich und das Fahrrad. Allerdings muss ich etwa eine halbe Stunde warten, da das Boot nicht ständig pendelt. Die Nachfrage ist wegen der etwa 1 km weiter nördlich vorhandenen Schnellstraßenbrücke offenbar sehr gering. Doch einer dicht befahrenen Brücke von vielen hundert Metern Länge, die außerdem einen Umweg bedeuten würde, ziehe ich die Fährverbindung vor. In Potou, am anderen Ufer des Flusses folge ich dann zunächst der S373, die als vierspurige Fernverbindung leider bald recht stark befahren ist. Es gibt in dieser Gegend aber leider keine Alternative, erst nach etwa 15 km.

IMG_0519An der Ortsumgehung des Städtchens Jiaodaling, die dann als G228 weiter in Richtung Wuchuan verläuft, verlasse ich diese Verkehrsader schließlich und wähle stattdessen die Ortsdurchfahrt und anschließend einen etwas weiteren Bogen entlang der Alternativroute nach Wuchuan. Es sind jetzt viele Dörfer, die direkt an dieser Straße oder auch in einigem Abstand dazu liegen. Mir fallen plötzlich die bunten Fähnchen entlang der Straße auf, ab und zu in dreieckiger Form und mit aufgedruckten Drachen. Dass immer wieder mal Feuerwerk zu hören ist, irgendwo in der Ferne oder auch nahe der Straße, müsste ich eigentlich viel öfter erwähnen, denn es ist nach wie vor ein ständiger Begleiter, vor allem abends in den Städten.
Dann höre ich plötzlich dumpfes Trommeln irgendwo voraus und eine schräge Musik mischt sich in die Windgeräusche, denn der Wind ist ein weiterer ständiger Begleiter. Bisher zumindest.


Einige hundert Meter voraus ist auf einmal eine Störung im Verkehrsfluss und dann sehe ich die vielen Leute in roten Kostümen und ja, ein Trommler und mehrere Leute mit Trompeten. Oder was ich so laienhaft als Trompete bezeichne, denn der Klang ist schrill und will zu der Trommel gar nicht so recht passen. Die Gruppe von Leuten marschiert entlang der Straße, trägt in ihrer Mitte etwas unter einem kleinen Baldachin und verschwindet dann auf dem größeren Gelände einer Bauunternehmung. Wenige hundert Meter weiter kommt eine andere Gruppe vom Gelände eines Sportplatzes auf die Straße zugelaufen, wo schon ein Teil dieser anderen Gruppe zu warten scheint. Hauptsächlich junge Leute, auch sie tragen in ihrer Mitte eine Art von Schrein. Einige Kilometer weiter marschiert noch eine ähnliche Gruppe junger Leute auf das Gelände eines Tempels zu. Die Fähnchen und derartige Prozessionen habe ich zuvor nirgends gesehen, nur hier in dieser Gegend zwischen Jiaozhen und Wuchuan. Danach auch nicht wieder. Weiterhin bestimmt aber Landwirtschaft im kleinen Stil die flache Landschaft und bevor ich Wuchuan erreiche ist auch die typische Hochhausarchitektur das erste was von der nahen Stadt zu sehen ist.

Der letzte Abschnitt nach Wuchuan hinein, nachdem ich über die lange Brücke des Jian Rivers gerollt bin, und gleich an der nächsten Ecke dahinter nach rechts in die Seitengassen abtauche, ist dann wieder ein spannendes Beobachten des Alltags vor den Läden und in den Werkstätten abseits der Hauptverkehrswege und ich bin immer erstaunt, was die kleinen Geschäfte so alles bieten. Zweiradteile, manchmal ein Geschäft ausschließlich für Fahrrad- bzw. Motorradschlösser, herunter gekommene Tante-Emma-Läden und herausgeputzte Mini-Konditoreien mit einer bunt gemischten Auslage in kleinen Vitrinen zur Selbstbedienung, oder kleine Metall verarbeitende Betriebe mit Dreh- und Fräsmaschinen im Halbdunkel und der Enge einer garagenähnlichen Werkstatt.
Mein Quartier in Wuchuan liegt zwar an der Hauptstraße aber das Zimmer selbst etwas zurückgesetzt im Hinterhof und damit viel ruhiger als gedacht.

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Langer Marsch zurück nach Haikou

 

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Improvisierte Weide in der Nähe von Shenzhou

Wir verfolgen unsere Route weiter entlang der Küste in nördlicher Richtung. Am Vormittag haben wir zunächst die Begleitung eines weiteren Radlers, der mit uns in der Radfahrerstation übernachtet hat. Er stammt zufällig aus der Gegend in der auch Florence lebt und so haben die beiden sich eine Zeitlang einiges zu erzählen. Die Strecke bleibt für den Tag und darüber hinaus überwiegend flach, selten wird das Profil leicht wellig.
Nachdem wir die X435 verlassen haben, die von der Insel Shenzhou über eine noch recht neue Brücke ostwärts herunterführt, ist kaum noch Verkehr um uns herum. Wir bleiben weiterhin in Küstennähe und nach einigen Kilometern verläuft die Straße parallel zu einem längeren Strandabschnitt.
Zuvor passieren wir eine Gegend mit vielen größeren Fischzucht-Becken, so wie auch gestern abend schon, als wir von der anderen Richtung her gekommen waren. Die motorisch betriebenen Paddelräder, mit denen das Wasser belüftet wird, hatten wir gestern schon mehrmals im Küstennahen Bereich gesehen, und diese Becken erinnern mich sehr an den Süden Thailands, wo ich derartiges in noch viel größerer Zahl gesehen hatte. Auch mit mehr Paddelrädern pro Becken. Dort waren es Großgarnelen, hier sind es Fische in der Größe von Karpfen, die mit Netzen aus einem der Becken geholt und in mit Wasser gefüllte Styroporboxen gezwängt werden. Dann werden sie auf Klein-LKWs geladen. Auf der anderen Straßenseite stehen Wasserbüffel auf einer Art Weide, eine größere Gruppe dieser Tiere, die man sonst immer mal einzeln in feuchten Niederungen oder auf abgeernteten Reisfeldern stehen sieht..

An den Strand kommen wir nicht direkt heran, ein etwa 100 bis 200 m schmaler Streifen aus Koniferenwald schirmt die Küstenlinie von der Straße ab und nur alle paar hundert Meter ist ein schmaler Zugang angelegt. Teilweise etwas versteckt und verwahrlost – erstaunlich dass hier kaum jemand anzutreffen ist, wo der Strand selbst naturbelassen und einige Kilometer lang ist. Allerdings ist dieser Ort auch einige Kilometer von den nächsten Bettenburgen entfernt.

Eine gute Gelegenheit für eine kurze Pause im Schatten unter den locker stehenden Bäumen, denn der Himmel ist nur leicht bewölkt, die Sonne heizt die Luft im Lauf des Vormittags schnell wieder auf ca. 28 – 29°C auf. Am Strand liegt ein Fisch-Trawler, der offenbar in rauer See hierher gespült wurde. Stürme sind im Südchinesischen Meer vermutlich auch keine Seltenheit.

Laut Karte führt uns die Straße weiterhin immer nah der Küste auf einer schmaler werdenden Landzunge, die auf Landseite von einem großen See begrenzt wird, der nacheinander Kilometern als Long Wei River ins Meer mündet. Die Straße sollte durchgängig über diesen relativ breiten Fluss führen, endet dort aber abrupt an einer Kaimauer. Ein über das Wasser pendelnder, motorisierter Schwimmponton macht hier die Fähre. Nicht für Autos geeignet, aber voller Kleinmotorräder tuckert das Ding über den eher ruhigen Fluss, vorbei an einer Vielzahl von schwimmenden Fischzuchtbecken und Fischerbooten.

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Fähre über den Longwei River

In der Nähe des Ortes Hele verlässt uns unser neuer Begleiter schon wieder, von dem Florence mir einmal klagt, er würde zu viele Fragen stellen. Sein Englisch ist allerdings nur rudimentär, so dass er sich mit mir während der kurzen Zeit kaum unterhalten konnte. Er will zurück nach Wanning, das etwas weiter im Landesinnern an der Kreuzung mehrerer Fernstraßen liegt und das wir nun weiträumig umfahren haben, und von dort mit einem Bus nach Haikou und weiter nach hause. Mit seinem Faltrad kein Problem.

In den kleineren Städten herrscht immer ein sehr geschäftiges Treiben und wird der Verkehr schnell unübersichtlich. Viele Geschäfte und kleine Verkaufsstände an der Straße bieten Lebensmittel, Obst, Haushaltswaren, daneben befindet sich oft auch die eine oder andere Garküche und viele Leute schauen eher auf die Auslagen oder das Angebot, reden vom Moped aus im Vorbeifahren mit der Händlerin und keiner achtet so richtig auf seine Umgebung. Da werde ich häufig einfach ausgebremst, muss ständig selbst die Augen in alle Richtungen offen halten, denn gerne startet ein motorisiertes Zweirad gerade dann, wenn ich auf gleicher Höhe bin, oder kommt ausgerechnet dann um die Ecke, wenn ich die Einmündung passiere. Selten hält jemand gleich wieder an, nur weil ein Fahrrad daherkommt. Aber daran, dass ich hier mit dem Verkehr einfach mitschwimmen muss und das viele Gehupe getrost ignorieren kann, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt.

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Pagode des Klosters von Bo’ao

War unser Quartier in der Nähe von Shenzhou so etwas wie eine Idylle, so ist Bo’ao wieder ein ziemlicher Hotspot. Die Stadt beherbergt nicht nur das ‚Boao Forum for Asia‘, eine NGO, die überregionale Konferenzen veranstaltet, am Rand der Stadt befindet sich auch das größte Buddhistische Kloster in Hainan, in das gleich noch ein offenbar beliebtes Museum mit angeschlossen ist. Die Besucher kommen jedenfalls in großer Zahl u.a. mit Bussen dorthin.
Wir erreichen die Stadt am späten Nachmittag nach etwas mehr als 90 km Fahrt und finden relativ schnell ein preiswertes Guesthouse in einer ruhigen Seitenstraße nahe des alten Zentrums.

Am nächsten Morgen bekommen wir die schon erwähnte Nudelsuppe bei den muslimischen Glaubensbrüdern. Die hintere Wand des kleinen Gastraums schmückt ein Wandgemälde einer großen Moschee. Der Himmel ist bewölkt, als wir uns auf die Räder setzen und losfahren, bei etwa 24°C.
Vom Altstadtkern des Städtchen Bo’ao existiert nicht mehr allzu viel, schnell geht die Bebauung der nach Norden führenden Straße in modernere Architektur und Wohnhochhäuser über. Die Ausfallstraße verlassen wir aber recht schnell wieder und fahren mit leichtem Rückenwind weiter nordwärts durch die dörflichen Siedlungen entlang der Küste bis Tanmen und weiter entlang der Bucht zwischen Changpo und Huiwen.

 

Auf Feldern neben der Straße werden teils im großen Stil Tomaten angebaut, die Früchte überwiegend in der Größe von Cocktailtomaten. Daneben werden Zucchini ähnliche Früchte gezogen, die wie die Tomaten an rankenden Pflanzen wachsen und recht groß werden.

Hainan ist eine ausgesprochen grüne Insel. Dort wo Flächen nicht landwirtschaftlich genutzt werden oder bebaut sind, scheint die Natur schnell wieder das zu überwuchern, was nicht hinein gehört. Das fällt manchmal am Straßenrand auf, wo hinter dem Straßengraben erstmal nichts außer Vegetation kommt, was allerdings im Küstenbereich selten der Fall zu sein scheint ist. Von möglicherweise wild lebenden Tieren ist praktisch nichts zu sehen, außer von einigen Schlangen, die zu unvorsichtig auf der Straße waren. Davon scheint es eine ganze Menge zu geben, lebendig habe ich allerdings keine gesehen.

In Wenchang wollen wir erneut mit einer Fähre über den dortigen, etwa einen halben Kilometer breiten Fluss übersetzen, da die Brücke der Fernverbindung S201 uns eher einen Umweg bringen würde. Florence will ein stückweit durch den ‚Coconut Forest‘ radeln, der sich etwas weiter südlich am gegenüber liegenden Ufer erstreckt. Doch die Fähre müssen wir suchen, als die Straße zum Hafen überraschend inmitten eines überdachten Marktes endet.

Etwas versteckt liegen aber an der Kaimauer zwei Barkassen, oder besser, zwei kleine Boote, die auf Kundschaft warten. Eines ist schon bereit zum Ablegen und die Eignerin des anderen Bootes – Frau Wang, wie das Namensschild an ihrem öligen Pullover verrät – erklärt uns, dass wir warten müssten bis genügend Passagiere zusammen sind, aber sie würde uns an der gewünschten Stelle weiter südlich am gegenüber liegenden Ufer absetzen – für je 10 Yuan mehr auch gleich. Das halte ich für geschenkt, bei einer quasi Privatfahrt, also laden wir das Gepäck ab, bringen die Räder und Taschen über den Bug auf das teilüberdachte Boot, während die Chefin die Maschine im Heck betankt. Ein Einzylindermotor, ähnlich denjenigen, die für die universellen Einachs-Zugmaschinen in der hiesigen Landwirtschaft verwendet werden.

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Auf dem Wenchang River

Sie legt mit uns ab und manövriert das Boot gekonnt zwischen den größeren Fischerbooten und verschiedenen anderen Schiffen, die vor Anker liegen hindurch, beginnt angestrengt zu telefonieren und steuert bald einen Punkt am direkt gegenüber liegenden Ufer an. Es dauert etwa 10 Minuten, bis wir dort zwischen mehreren ähnlich großen Booten anlanden. Aussteigen sollen wir nicht, stattdessen steigen weitere Personen zu, sechs freundliche Einheimische, die offenbar die Ursache für das Telefonat waren.
Die Weiterfahrt dauert noch einmal etwa 10 Minuten, nun entlang des Ufers in südlicher Richtung, bis zu einem weiteren Anleger, an dem Florence und ich dann aussteigen. Die anderen Passagiere lassen sich noch weiter chauffieren und winken zum Abschied.

Über schmale und ruhige, durchweg betonierte Wirtschaftswege fahren wir weiter durch die üppige Vegetation, bis nach Dongjiao. Kokospalmen stehen dicht an dieser schmalen Straße und die schräg gewachsenen Palmen überragen sie häufig, die Kronen voller Kokosnüsse. Es ist sicherlich nur eine Frage der Zeit und dann auch der Statistik, wann die nächste Nuss auf ein Fahrzeug fällt und wieviele Leute schon dadurch zu Schaden gekommen sind. Ein Fahrradhelm dürfte gegen eine herabsausende Nuss auch wenig ausrichten können, überlege ich während ich unter den vielen drohenden Nüssen hindurch fahre.

Von Dongjiao sind es immer noch rund 15 km, die wir größtenteils wieder auf der ausgebauten Fernverbindung entlang der Küste fahren. Das Gelände ist leicht profiliert und die Anstiege ziehen sich beinahe schnurgerade hin. Kurz vor dem Abzweig nach Longlou dann ein gut gesichertes Museum am Straßenrand, in der Ferne in Richtung Küste kann ich mehrere hohe, quaderförmige Hallen erkennen, Montagehallen für Weltraumraketen. Mir war gar nicht so recht klar, dass es in Hainan auch einen Weltraumbahnhof gibt. Später sehe ich an einer Straßenkreuzung im Ort ein Modell einer Rakete vom Typ ‚Long March‘.

Longlou ist eher ein verschlafenes Nest, das Gästehaus, das wir in einer Seitenstraße finden, aber ist relativ neu und das geräumige Zimmer bietet genügend Platz auch einmal die Wäscheleine zu spannen und die zuletzt noch feuchten Dinge alle einmal aufzuhängen. Dazu lasse ich die Klimaanlage im Entfeuchtungsmodus laufen und am nächsten Morgen ist auch tatsächlich alles trocken.

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Ein Modell des Typs ‚Langer Marsch‘ an einer Straßenecke

Von Longlou bis nach Haikou sind es dann doch noch knapp über 100 km, die wir am nächsten Tag in Angriff nehmen und dank des leicht böigen Windes aus östlicher Richtung auch schneller zurücklegen, als zu erwarten wäre. Auch wenn wir nicht den direkten Weg entlang der Fernverbindung S201 wählen. Viel Abwechslung gibt es entlang der Strecke trotzdem nicht, das Wetter hält aber durch und den Regen zurück, auch wenn die Bewölkung sukzessive zunimmt und später in Haikou sogar unangenehm kühler Wind aufkommt.

Etwa 40 km vor dem Stadtzentrum machen wir am Nachmittag, als die Sonne doch einmal für längere Zeit durch die Wolken kommt, in dem Städtchen das eigentlich auch schon unter die Verwaltung des Großraums Haikou fällt, eine etwas verspätete Mittagspause. Aber bis dahin lief es gut, da wollte ich nicht zu früh unterbrechen, umso stärker ist jetzt der Hunger. Es gibt wieder einmal Nudelsuppe mit Eistich und da der Chef der Küche auch eine kleine Vitrine mit Backwaren präsentiert, zum Nachtisch noch einen etwas zu süßen, fluffigen Teigball.

Kurze Zeit später wird der Verkehr auch deutlich dichter und rund um den Flughafen, an dem wir direkt vorbei müssen, ist wegen Baustellen dichter Stau. Haikou ist eben eine Großstadt und sobald wir den Innenstadtbereich erreichen, lassen wir die breiten Straßen links liegen und fahren für etliche Kilometer auf einer Promenade, die sich direkt am Ufer des Haikou River entlang nordwärts erstreckt. Leider endet sie abrupt wegen einer Uferbaustelle und wir müssen doch entlang der Straße fahren.
Bis zum Banana Hostel ist es aber nicht mehr weit, der Fluss macht einen 90°-Knick und trennt den nördlichen Teil Haikous, die eigentlichen Innenstadt, als eine Insel vom Rest der Stadtfläche, dem weitaus größten Teil ab. Wir nutzen die dritte der Brücken über den Fluss, auf der eigene Fahrstreifen für Zweiräder zur Verfügung stehen. Eine schöne Runde um die Insel Hainan endet damit nach rund 677 Kilometern.
Morgen werden wir mit einem der vielen Fährschiffe nach Hai’an auf das Festland übersetzen, wo ich dann meine Reise durch einen Teil Südchinas in Richtung Macau fortsetzen will, während Florence dann mit einem Nachtbus nach hause fährt.

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Veröffentlicht in China

Hainans Vielfalt entlang der Ostküste

 

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Die Tage sind sonnig und warm, abends bleibt es bis etwa 19 Uhr hell, morgens kommt die Sonne kurz nach sieben über den Horizont. Schnell ergibt sich ein Tagesrythmus, nach welchem Florence und ich uns gegen 8 Uhr zum Frühstücken treffen, uns zumindest auf die Suche nach einer Straßenküche oder einem kleinen Restaurant machen, und gegen halbzehn sind wir meist auch schon mit den Rädern unterwegs. Mehrmals ist es Nudelsuppe, die wir morgens bekommen, manchmal Porridge oder dampfgegarte Hefeklöße.
Xincun, Shenzhou, Bo’ao und Longlou sind die Stationen auf dem Weg um die Insel herum, zurück in Richtung Haikou. Dabei sind Strandabschnitte, Steilküste, kleinere Berge, Landwirtschaft und Fischzucht, Märkte und Dörfer genauso Bestandteil, wie manch hektische Innenstadt und immer wieder Ausblicke auf Bauinvestitionen, deren tatsächlichen Nutzen ich mir bei dieser großen Zahl an entstehenden Gebäuden nicht erklären kann.
Es wird allerorten Werbung für die (vermutlich zu kaufenden) Apartments gemacht, doch wer kauft die? Jetzt im Moment ist wegen des Chinesischen Neujahrsfestes Hochsaison in Hainan, die Straßen sind in den größeren Städten teilweise verstopft mit großen, neuen Limousinen und Luxus-SUVs aller namhaften europäischen (vor allem deutschen) und japanischen Autokonzerne, aber die jetzt schon verfügbaren Bettenburgen sind gar nicht richtig ausgelastet. Zumindest ist dies mein Eindruck.
Dieser Teil ist zwar für meine Reise nur eine Randerscheinung, lässt sich aber nicht ausblenden und ist natürlich fest mit der Entwicklung Hainans verbunden. Dieser Aspekt sorgt dann auch für einen großen Kontrast.

In Xincun gibt es Frühstück in einer Straßenküche mit wenigen kleinen Tischen auf dem überdachten Fußweg direkt davor. Einer davon ist gerade frei. Es gibt Nudelsuppe mit etwas Lauchgemüse und für mich mit einem direkt in der Suppe gegarten Ei, Florence zieht die Fleischeinlage vor. Da hierzulande mit wenig Salz gekocht wird und in den Restaurants nie ein Salzstreuer vorhanden ist (man würzt eher mit Sojasoße nach), hatte ich mir am Abend zuvor in einem Supermarkt mit großer Haushaltsabteilung einen Salzstreuer gekauft (eigentlich eine kleine Dose für Zahnstocher, da es keine Salzstreuer gibt, und eine Tüte Meersalz, deren restlichen Inhalt ich nach Befüllen der kleinen Dose dem Restaurant geschenkt hatte, in dem wir später gegessen haben). Damit salze ich die Suppe und versuche so meinen im Moment erhöhten Salzbedarf über das Essen etwas auszugleichen.
Am nächsten Morgen in Shenzhou frühstücken wir dann z.B. erst auf dem Weg, da es an der Bikerstation, wo wir in Zelten preiswert übernachten konnten, selbst nichts gibt. Einen Tag weiter in Bo’ao ist es ein kleines mulslimisches Restaurant, in dem wir Nudelsuppe bekommen und wo man den Leuten bei der Nudelherstellung, beim ausziehen des Teiges, draußen vor der Tür zuschauen kann. So ist jeder Morgen anders.

 

Die am Abend auf dem Hoteldach aufgehangene Wäsche ist über Nacht nicht trocken geworden. Es wird nachts zu kühl und die Luftfeuchtigkeit ist in Küstennähe einfach zu hoch. Florence versucht mit dem Haarfön ihre Sachen noch zu trocknen, dann fahren wir auch bald aus der sich schnell wieder mit Tagestouristen füllenden kleinen Stadt hinaus und entlang der G223 in Richtung Norden, weg von der Küste, denn dort verläuft lediglich eine Autobahn, die mit Rädern nicht befahren werden darf. Vermutlich auch weil es die Autobahn gibt, bleibt der Verkehr auf dieser Landstraße den Tag über recht ruhig.

In Lingshui überqueren wir den Lingshui River und danach führt die Straße nach etwa 25 km Strecke in die Berge. In der weiteren Umgebung sind es Erhebungen bis zu 400 m, die Straße selbst windet sich über wenige Kilometer zweimal mit bis zu 8% Steigung auf nicht ganz 200 m hinauf, bei der Mittagshitze von über 30° C aber ist das eine schlauchende Angelegenheit. Wir sind nicht die einzigen Radler, die sich diese Strecke antun. Am ersten Anstieg sitzen drei Leute mich Mountainbike und leichtem Tagesgepäck im Schatten des Hanges und reparieren eines ihrer Räder, kurz vor der Höhe rolle ich langsam an einer Familie mit zwei Jungs vorbei. Der Vater wartet bereits oben. Ich stelle mich dazu und warte auf Florence, die ihr Rad die letzten Meter nach oben schiebt.
Danach folgt eine langgezogene Abfahrt über mehrere Kilometer, die es leicht macht, die kurze Anstrengung von den beiden Anstiegen zuvor wieder zu vergessen. Wir rollen nun durch den Distrikt Wanning und eine weiterhin wellige Landschaft mit bewaldeten Hängen.
In dem Dorf Nanqiao dann eine Mittagspause, einige hundert Meter weiter wird Feuerwerk gezündet.

Das Chinesische Neujahrsfest liegt zwar schon wieder einige Tage zurück, aber in den Städtchen und Dörfern, durch die wir kommen, wird immer wieder Feuerwerk abgebrannt, manchmal sind die Kracher wie ein dumpfes Grollen in der Ferne zu hören, die Papierfetzen der Böllerketten liegen vor manchem Haus malerisch verstreut herum. Und an vielen Müllsammelstellen türmen sich noch die Reste des Feuerwerks von der Neujahrsnacht. Die Böllerketten können mehrere Meter lang sein, werden aufgerollt in riesigen Verpackungen verkauft und die Leute haben offenbar ihren Spaß daran, solche Ketten entlang der Straße auszulegen und den Vorbeifahrenden die Sicht zu vernebeln (abgesehen von dem krachenden Lärm).

Später kommen wir an die Küste zurück, die teils als Steilküste schöne Ausblicke bietet und weiter in eine küstennahe Ebene mit Landwirtschaft und vor allem einfacher Fischzucht in großen, flachen Becken, die mit motorisch betriebenen Paddeln ständig mit Sauerstoff versorgt werden. Natürlich auch hier vor der Kulisse mit Apartment-Hochhäusern in Strandnähe.
Die Insel Shenzhou ist mit zwei kurzen Brücken an das Festland angebunden und
hier konzentrieren sich am landseitigen Ufer die etwa 18 geschossenen Wohnhäuser, während die Seeseite ein weiter Strandpark und eben der Strand ziert.
Mitten in der Anlage liegt eine Art Zentrum mit Restaurants und einem Supermarkt, wo wir am Abend noch den Wasser- und Obstvorrat auffüllen und am nächsten Morgen bei herrlichem Sonnenwetter frühstücken.

Für die Nacht aber nehmen wir, wie einige der unterwegs getroffenen Radler auch, Quartier bei einer Fahrradstation auf dem Festland, etwas versteckt an der Umgehungsstraße gelegen, wo neben Mehrbettzimmern auch Zelte zur Verfügung stehen. Für den Abend kocht der Chef persönlich für alle und zaubert etwa 14 verschieden zubereitete Leckereien, hauptsächlich Gemüse, auf den runden Tisch.
Wie in China üblich greift jeder mit seinen Stäbchen überall zu und probiert von (fast) jeder Speise – ein fröhliches Durcheinander und die beste Möglichkeit, ein breites Spektrum der chinesischen Küche kennenzulernen.

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