Veröffentlicht in China

Von der Südspitze Guangdongs bis nach Wuchuan

Von Florence verabschiede ich mich am 12.02. in Xuwen, nachdem wir die etwa 13 km vom Fährhafen in Hai’an aus bis nach Xuwen geradelt sind – viel später am Abend als gedacht, aber der Andrang zu den Fähren war enorm und der Kauf eines Tickets kompliziert, zumindest für mich als Ausländer. Eineinhalb Stunden dauerte die ruhige Überfahrt, aber für den frühen Nachmittag war kein Schiff mehr verfügbar und selbst die 17:00 Uhr-Fähre verließ den Hafen erst mit mehr als einstündiger Verspätung. Die in den Autos auf dem riesigen Hafengelände wartenden Leute, die eigentlich ihr jeweiliges Ticket mit bestätigtem Termin hatten, warteten teilweise schon den halben Tag, wie Florence bei einer Familie erfragt hatte. Insofern hatten wir Glück, dass wir mit den Rädern an allen Warteschlangen vorbei fahren konnten. Wir mussten dennoch direkt am Schiff etwas warten, bis man uns mit den Rädern an Deck ließ und wir zwischen zwei LKWs parken durften.

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In den Außenbezirken von Leizhou

Xuwen verlasse ich am nächsten Morgen bei bewölktem Himmel und milden 23°C bei außerdem leichtem Nordostwind. Es ist fast schon zu kühl nach den deutlich höheren Temperaturen der letzten Tage. Die stark befahrende Durchgangsstraße in Richtung Norden verlasse ich aber schon an der nächsten Hauptkreuzung, nehme zunächst in östlicher Richtung einen Umweg entlang des hohen Damms eines Wasserstaubeckens in Kauf, um auf einer Nebenstrecke aus der Stadt heraus zu kommen. Viele verschiedene Fernbusrouten nehmen in Xuwen ihren Ausgangspunkt zu verschiedenen Städten in Guangdong wie auch den Nachbarprovinzen und jetzt am frühen Vormittag scheinen viele davon zu starten. Ich muss zumindest mehrmals bei einem solchen Bus am Straßenrand im Vorbeifahren auf die etwas orientierungslos drum herum wuselnden Personen aufpassen, die gerade dabei sind, Koffer einzuladen.
Genauso wenig wie z.B. ein auf der Straße wendender Bus nicht auf den fließenden Verkehr achtet, machen es die Fahrgäste noch weniger.

Nach wenigen Kilometern biege ich dann in eine Nebenstrecke ein, die nur noch von wenigen Autos und Kleinlastern benutzt wird. Ich tauche damit auch gleich in das ländliche Guangdong ein, das zumindest hier an dessen Südzipfel sehr von Landwirtschaft geprägt ist. Keine großen Flächen in Monokultur, sondern sich abwechselnde Pflanzungen von z.B. Bananen, Zuckerrohr, Ananas, Salatpflanzen, manchmal auch Kürbis. Dazwischen liegen kleinere und größere Dörfer, in denen zur Zeit das Zuckerrohr zentral gesammelt wird. Auf den Feldern von Hand geerntet, schaffen Mini-LKWs den Transport zu diesen Sammelplätzen, von denen es dann mit großen Lastern zur nächsten Zuckermühle transportiert wird. Zwei davon sehe ich heute im Laufe des Tages.

 

Die erste am Rand von Tiaofeng, in dessen Zentrum ich auch noch relativ spät am Mittag bei einem freundlichen Koch eine schöne Portion Mangold sehr ähnlichem Gemüse mit Tofu und Reis bekomme.
Manchmal kann es so einfach sein. Je schlichter und offener die Küche, desto einfacher kann ich auf das zeigen, was ich gerne essen würde, denn ohne die Hilfe von Florence habe ich nun deutlich mehr Probleme, mich zu artikulieren. 60 km bin ich bis dort etwa gefahren, 35 km kommen später noch hinzu, bei inzwischen immer weniger bewölktem Himmel und vielleicht 26°, die sich später auch noch etwas steigern, nachdem die Sonne endgültig durch die Wolken kommt.

Nachdem ich von dem Städtchen vielleicht 3 – 4 km entfernt bin, hupt hinter mir ein Fahrzeug – was ja nicht ungewöhnlich ist – überholt aber nicht, sondern fährt links neben mir gleichauf, das Seitenfenster geöffnet. Als ich mich zur Seite drehe, um zu sehen, warum das dunkle Auto nicht vorbei fährt, hält mir eine junge Frau unvermittelt eine Halbliterflasche Wasser entgegen. Ich schaue kurz verblüfft, greife aber zu und nehme mir die angebotene Flasche, obgleich meine eigenen Flaschen noch ganz gut gefüllt sind, rufe etwas wie ‚谢谢‘ während das Auto schneller wird und gleich nach der nächsten Kurve aus der Sicht verschwindet.
Ich halte an und verstaue die Flasche, muss innerlich grinsen. Zuletzt hatte ich soetwas vor rund einem Jahr, als ich in Malaysia mit dem Fahrrad unterwegs war, und damals war es ein isotonisches Getränk, nicht nur schlichtes Wasser, aber so kleinlich will ich mal nicht sein.

Die Landschaft wird etwas welliger und bietet verschiedene Grünschattierungen durch die unterschiedliche und sich immer wieder abwechselnde Art der Vegetation, oft grenzt ein schmaler Streifen aus jungen Eukalyptusbäumen eine landwirtschaftlich genutzte Fläche ab, irgendwann ist das Zuckerrohr aber dominierend. Für die manchmal in Terrassen angelegten Salat- und Gemüseflächen am Rand kleiner Dörfer gibt es ein verzweigtes System aus schmalen, betonierten Bewässerungskanälen. Auch hier wird offenbar die nötige Feldarbeit von Hand erledigt.

 

Die Gegend wird weiter nördlich immer flacher, ich komme der Küste wieder näher und dem dorthin mäandernden Nandu River und wenige Kilometer vor dem Städtchen Leigao ist in der Ferne auf einer einsamen Erhebung ein riesiges Radom zu sehen, das sich dunkelgrün kaum von der Umgebung abhebt. Der nächste größere Militärhafen ist auch nicht sehr weit entfernt, aber dort komme ich erst am nächsten Tag hin. Im Bereich des Nandu River verläuft die Straße über vielleicht drei Kilometer auf einem Damm, obwohl die Küste noch mehr als zwei Kilometer entfernt ist. Wie schon in Hainan sind hier viele Wasserbecken zur Fischzucht angelegt, allerdings offenbar zur Zeit nicht alle genutzt, denn vielfach ist die Belüftung nicht in Betrieb.

Auf einer größeren Fläche zwischen dem Fluss und den Ausläufern der Stadt Leizhou befinden sich zwischen einigen Dörfern Reisfelder, die jetzt abgeerntet sind und auf denen Wasserbüffeln ähnliche Rinder grasen, die offenbar auch die Wärme der Nachmittagssonne genießen.
Nach Leizhou hinein komme ich auf einem Wirtschaftsweg, der in ein Stadtviertel mit schmalen Straßen, viel alter Bausubstanz und vielen kleinen Geschäften und Straßenhändlern mündet. Urplötzlich befinde ich mich dann aber in der Hektik einer weiteren Großstadt, ordne mich an der ersten Ampel in die Menge der wartenden Zweiräder und versuche, das von mir bereits vorreservierte Hotel nicht zu übersehen.

 

Das City Comfort Inn bietet am Morgen ein Frühstücksbüffet in seinem kleinen Restaurant an, so muss ich nicht auf die Suche gehen. Reis-Porridge, gegarte Tomaten mit etwas Rührei, Süßkartoffel, Brokkoli und süßes Gebäck; leider gibt es keinen Kaffee.
Mit der Weiterfahrt lasse ich mir etwas mehr Zeit, da ich heute nicht viel mehr als 60 km auf dem Plan habe. Anstrengend wird der Tag dennoch, da ich nun hauptsächlich in nordöstlicher Richtung und meist gegen den Wind fahre.
Der Verkehr ist ähnlich hektisch wie gestern am späten Nachmittag. Um aus Leizhou heraus zu kommen, muss ich erstmal in das Zentrum zurück, immer schön in der breiten Nebenfahrbahn, in die auch die lokalen Busse zum Halt einfahren und wo die Leute mit ihren E-Mofas in eigentlich alle Richtungen fahren, nicht einfach nur geradeaus in der vorgesehenen Fahrtrichtung. So muss ich ständig aufpassen. Am Postamt an der Hauptkreuzung werfe ich einige Postkarten ab und nehme dann die Hauptstraße in östlicher Richtung, vorbei an einem mitten in der Stadt gelegenen See, auf dessen Vorplatz erstaunlich viele Menschen flanieren und Kinder spielen. Nach etwa 4 km biege ich in eine schmale Seitenstraße ab und rolle durch die hinter der Hauptstraße liegende Bebauung.

 

Haus neben Haus, schlichter Beton meist, manchmal auch noch aus Ziegeln errichtet und in den unterschiedlichsten Größen. Nach etwa 500m befinden sich auf einmal Marktstände rechts und links der Straße. Sehr klein, das Obst oder Gemüse oft am Boden auf einer kleinen Plane liegend. Fleisch liegt ungekühlt auf stabilen Holztischen, die auch gleichzeitig als Hauunterlage bzw. als Arbeitsfläche dienen.
Als ich kurz anhalte werde ich ungläubig angeschaut. Kurz darauf bin ich auch schon aus der Stadt hinaus und rolle wie gestern nachmittag entlang von Reisfeldern. Irgendwo ist ein Bauer mit seinem kleinen Schlammtraktor dabei, die Reste nach der Ernte unterzupflügen, sofern man bei dem schlammigen Grund davon sprechen kann.

 

Die ruhige Nebenstraße mündet bald auf eine besser ausgebaute Fernstraße und diese verläuft nach kurzer Zeit parallel zur stark genutzten S373, quert sie auch zweimal bis sie direkt an einer Brücke über einen schmalen Fluss abrupt endet. Als die S373 gebaut wurde, hat man genau an dieser Stelle wohl die alte Trasse genutzt, bis dahin aber parallel neu gebaut. Dieses Detail war auf der Karte nicht zu sehen und die parallele Führung geht auch einige hundert Meter danach weiter. Ich muss aber an dieser Stelle erst einmal zurück, dann auf die Schnellstraße wechseln, bei nächster Gelegenheit auf die andere Straße zurück wechseln, deren Belag jetzt aber massiv schlechter ist, und dieses Spiel später noch einmal wiederholen.
An der nächsten Flussüberquerung, etwa 12 Kilometer weiter, führt die S373 dann in Richtung Osten und ich folge dieser Straße weiter. Bald zeigt sich die Nähe zum Überseehafen von Yanjiang in Form von Industrieanlagen unweit der Straße. Eine gewaltige Chemieanlage wirkt bedrohlich und verströmt unangenehme Gerüche und auch Geräusche, bei denen ich nicht lange verweilen will.

Nachdem ich die Zufahrt zum hiesigen Überseehafen passiert habe, sind auch kaum noch LKW mit Containern auf der Straße, trotzdem wird der Verkehr dichter und staut sich vor der nächsten Ampelkreuzung. Bahngleise verlaufen quer zur Straße die an dieser Stelle einen Umweg machen muss, da die direkt hinüber führende Brücke nur für Zweiräder zugelassen ist. Kurz dahinter komme ich an eine kleine Parkanlage direkt an der See und bis zu meinem Quartier ist es auch nicht mehr weit. Das liegt auweit von einem zentralen Verkehrsknoten in einer eigenen Parkanlage auf einem kleinen Hügel, quasi im Grünen mitten in der Stadt.

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In der Nacht ist leider an Schlaf nicht zu denken, da ab etwa 22 Uhr bis in die frühen Morgenstunden permanent Feuerwerk im näheren Umfeld des Hotels abgebrannt wird.

Da ich gestern abend in einem Supermarkt doch noch löslichen Kaffee gefunden habe, kann ich mir heute früh Kaffee kochen – und esse zunächst nur eine Banane, schreibe einen Blog-Artikel fertig und packe dann meine Sachen. Beim McDonalds um die Ecke frühstücke ich dann etwas mehr. Dann mache ich mich in nördlicher Richtung auf den Weg, sehe ein Postamt und werfe dort meine gestern noch geschriebenen Karten ein. Am Abend hatte ich noch vergeblich versucht, bei einem Geldautomaten Geld zu ziehen, hier gleich neben der Post sehe ich am Straßenrand eine weitere Filiale der China Construction Bank und habe diesmal Erfolg. Weitere 2000 Yuan sollten für die nächste Woche auf jeden Fall reichen.


Dann biege ich nach etwa 3 km Strecke zu einem Fähranleger ab, den breiten Fluss will ich mit der Fähre überqueren, das Ticket kostet 2,4 Yuan für mich und das Fahrrad. Allerdings muss ich etwa eine halbe Stunde warten, da das Boot nicht ständig pendelt. Die Nachfrage ist wegen der etwa 1 km weiter nördlich vorhandenen Schnellstraßenbrücke offenbar sehr gering. Doch einer dicht befahrenen Brücke von vielen hundert Metern Länge, die außerdem einen Umweg bedeuten würde, ziehe ich die Fährverbindung vor. In Potou, am anderen Ufer des Flusses folge ich dann zunächst der S373, die als vierspurige Fernverbindung leider bald recht stark befahren ist. Es gibt in dieser Gegend aber leider keine Alternative, erst nach etwa 15 km.

IMG_0519An der Ortsumgehung des Städtchens Jiaodaling, die dann als G228 weiter in Richtung Wuchuan verläuft, verlasse ich diese Verkehrsader schließlich und wähle stattdessen die Ortsdurchfahrt und anschließend einen etwas weiteren Bogen entlang der Alternativroute nach Wuchuan. Es sind jetzt viele Dörfer, die direkt an dieser Straße oder auch in einigem Abstand dazu liegen. Mir fallen plötzlich die bunten Fähnchen entlang der Straße auf, ab und zu in dreieckiger Form und mit aufgedruckten Drachen. Dass immer wieder mal Feuerwerk zu hören ist, irgendwo in der Ferne oder auch nahe der Straße, müsste ich eigentlich viel öfter erwähnen, denn es ist nach wie vor ein ständiger Begleiter, vor allem abends in den Städten.
Dann höre ich plötzlich dumpfes Trommeln irgendwo voraus und eine schräge Musik mischt sich in die Windgeräusche, denn der Wind ist ein weiterer ständiger Begleiter. Bisher zumindest.


Einige hundert Meter voraus ist auf einmal eine Störung im Verkehrsfluss und dann sehe ich die vielen Leute in roten Kostümen und ja, ein Trommler und mehrere Leute mit Trompeten. Oder was ich so laienhaft als Trompete bezeichne, denn der Klang ist schrill und will zu der Trommel gar nicht so recht passen. Die Gruppe von Leuten marschiert entlang der Straße, trägt in ihrer Mitte etwas unter einem kleinen Baldachin und verschwindet dann auf dem größeren Gelände einer Bauunternehmung. Wenige hundert Meter weiter kommt eine andere Gruppe vom Gelände eines Sportplatzes auf die Straße zugelaufen, wo schon ein Teil dieser anderen Gruppe zu warten scheint. Hauptsächlich junge Leute, auch sie tragen in ihrer Mitte eine Art von Schrein. Einige Kilometer weiter marschiert noch eine ähnliche Gruppe junger Leute auf das Gelände eines Tempels zu. Die Fähnchen und derartige Prozessionen habe ich zuvor nirgends gesehen, nur hier in dieser Gegend zwischen Jiaozhen und Wuchuan. Danach auch nicht wieder. Weiterhin bestimmt aber Landwirtschaft im kleinen Stil die flache Landschaft und bevor ich Wuchuan erreiche ist auch die typische Hochhausarchitektur das erste was von der nahen Stadt zu sehen ist.

Der letzte Abschnitt nach Wuchuan hinein, nachdem ich über die lange Brücke des Jian Rivers gerollt bin, und gleich an der nächsten Ecke dahinter nach rechts in die Seitengassen abtauche, ist dann wieder ein spannendes Beobachten des Alltags vor den Läden und in den Werkstätten abseits der Hauptverkehrswege und ich bin immer erstaunt, was die kleinen Geschäfte so alles bieten. Zweiradteile, manchmal ein Geschäft ausschließlich für Fahrrad- bzw. Motorradschlösser, herunter gekommene Tante-Emma-Läden und herausgeputzte Mini-Konditoreien mit einer bunt gemischten Auslage in kleinen Vitrinen zur Selbstbedienung, oder kleine Metall verarbeitende Betriebe mit Dreh- und Fräsmaschinen im Halbdunkel und der Enge einer garagenähnlichen Werkstatt.
Mein Quartier in Wuchuan liegt zwar an der Hauptstraße aber das Zimmer selbst etwas zurückgesetzt im Hinterhof und damit viel ruhiger als gedacht.

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